Susanne Gaschke – Glauben in der Pandemie: Wenn der Tod nahe ist – ist Abstand nicht das wichtigste Gebot

Die seelische Not ist in der Corona-Weihnachtszeit besonders groß – aber die Kirchen wirken für viele wenig präsent. Der Vorwurf steht im Raum, sie verhielten sich zu passiv oder gar verantwortungslos. Was Kirchenvertreter darauf erwidern.

Der Jesuitenpater Klaus Mertes hat für das theologische Magazin „Stimmen der Zeit“ einen nachdenklichen Beitrag über das Thema „Advent in Ängsten“ verfasst. „In Corona-Zeiten zeigt sich“, so Mertes, „dass die Angst von Objekt zu Objekt springt. Der Kleinunternehmer hat Angst vor der Ansteckung, aber weniger wegen der Krankheit, sondern wegen der Quarantäne, die die Existenz seines Unternehmens gefährden würde. Das Kind, das ein Räuspern im Hals verspürt, hat Angst, aber weniger wegen der Krankheit, sondern weil seinetwegen die ganze Schule geschlossen werden könnte.“

Zwei weitere Passagen haben Mertes heftige Kritik beschert, den Texte in dieser katholischen Monatsschrift sonst selten auslösen.

Erstens hat er geschrieben: „Viele Verantwortliche der Kirche machten in den vergangenen Monaten einen verschüchterten Eindruck wegen ihrer Angst, ein Hotspot zu werden und dann in den Medien am Pranger zu stehen.“

Zweitens: „Der Sieg über die Angst entscheidet sich in der Wirklichkeit, im Handeln mitten in den Ängsten. Das gilt allemal für Weihnachten, das Fest der Nähe schlechthin. … Mit dem Primat des Abstandes über die Nähe wird die Verkündigung nicht gelingen.“

Weihnachtsgottesdienste müssen womöglich ausfallen
Kurz vor dem Weihnachtsfest ist die Corona-Lage in Deutschland weiterhin angespannt. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet prüft nun ein Verbot von öffentlichen Gottesdiensten an den Feiertagen.

Mertes ist ein Intellektueller – aber zugleich ein im täglichen Kampf stehender Seelsorger. Er erzählt, wie er vor Kurzem ein Kind befreien musste, das die Eltern aus Verzweiflung und Überforderung einen ganzen Tag lang im Badezimmer eingesperrt hatten. „Das ging nur unter Missachtung des Abstandsgebots“, sagt Mertes: „Ich halte mich an die Regeln, um zu schützen, aber es gibt Situationen, da muss ich sie übertreten, um zu schützen. Nächstenliebe lässt sich nicht auf die Einhaltung von Regeln reduzieren. Das ist das Evangelium.“

Mertes wurde online für seinen Text verdroschen, aber tatsächlich führt der Artikel mitten ins Herz einer Debatte, die sich die Kirchen gegenwärtig stellen müssen. Nicht wenige Beobachter werfen ihnen vor, in der düsteren Zeit der Pandemie als Wort- und Ratgeber zu versagen. „Die Bischöfe schweigen“, titelte zum Beispiel die „Zeit“.

Überdies stehen die Kirchen in dem Verdacht, ihre Staatsnähe und ihr Gewicht lobbyistisch ausgenutzt zu haben, um ihr beliebtestes – gefährliches! – Kerngeschäft zu sichern: den Weihnachtsgottesdienst. Wie bewerten die Kirchenführer und Theologen diese Vorwürfe?

Bedford-Strohm weist den Vorwurf zurück
„Über diese Verschwörungstheorie kann ich nur lächeln“, sagt Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland: „Die Zeiten, in denen die Kirche der Regierung irgendwelche unwidersprochenen Ansagen machen konnte, sind lange vorbei.“

Außerdem sei die Unterstellung institutionslogisch motivierter Verantwortungslosigkeit absurd: „Wir haben uns unendlich viele Gedanken gemacht“, sagt Bedford-Strohm, „wir haben mit den zuständigen Behörden diskutiert, Hygienekonzepte erarbeitet, massenhaft innovative Gottesdienstformate erdacht – und ich behaupte außerdem, dass gerade unsere Gemeindemitglieder ganz besonders achtsam und vorsichtig sind, wenn sie zusammenkommen.“

„Wir können nicht so weitermachen“
Wie vernünftiger Schutz vor Ansteckung funktioniere, habe nun wirklich jeder verstanden, sagt auch die evangelische Theologin Margot Käßmann: „Aber als erwachsene Christin darf ich schon selbst entscheiden, ob ich in einen Weihnachtsgottesdienst gehen möchte oder ob ich das Risiko für zu groß halte.“

Sie selbst, sagt Käßmann, sei in diesen Tagen fast pausenlos unterwegs oder am Telefon: „Gerade eben sprach ich mit einer Frau, die mir sagte: ‚Ich traue mich kaum, es auszusprechen, aber ich habe furchtbare Angst vor Weihnachten.‘“ Wovor genau hat die Frau Angst? Vor Ansteckung?

„Kontaktfasten“ – Das Evangelium nach Margot Käßmann
„Vor der Einsamkeit“, sagt Käßmann: „Normalerweise funktioniert ihr Netzwerk – Freundinnen, Sport, Literaturkreis und so weiter. Das fällt jetzt alles weg. Und Weihnachten treibt sowieso immer jedes Alleinsein auf die Spitze.“ Die Corona-Krise, sagt die Theologin, sei eine große Belastung für Singles jeden Alters; das zuzugeben sei allerdings schambesetzt, werde ja auch von außen als „Luxusproblem“ abgewertet. „Aber das Leiden ist da“, sagt Käßmann.

Die deutschen Bischöfe der großen Konfessionen hatten bereits am 20. März eine Botschaft für Seuchenzeiten formuliert: „Beistand, Trost und Hoffnung“ lautete die Überschrift. Das Medienecho war allerdings leise; in den Sondersendungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens kamen regelmäßig Naturwissenschaftler zu Wort, aber keine Experten für seelische Nöte.

Ohnehin sei es schwierig, religiöse Inhalte mediengerecht aufzubereiten, sagt der evangelische Theologe Reiner Anselm aus München: „Wir haben drei Probleme: Das Christentum braucht eine Idee, einen Ritus und einen Ort.“ Der Ort – die Kirche als Versammlungsraum – sei im Moment umstritten, der Ritus, vor allem das Gemeinde-Singen, regierungsamtlich verboten, und die Idee reiche kaum über das Gefühl hinaus, eine schwierige Lage gemeinsam durchstehen zu müssen.

„Wir lassen die Leute Weihnachten nicht alleine“
Viele wollen auch in diesem Jahr an Weihnachten nicht auf den Gang zur Kirche verzichten. Gottesdienste dürfen stattfinden, allerdings mit Mindestabstand und Maskenpflicht. Die Kirchen suchen nach Ausweichmöglichkeiten, zum Beispiel online oder im Freien.

„Es ist dabei auch nicht nützlich, von einer Strafe Gottes zu reden“, sagt Margot Käßmann: „Gott straft uns nicht. Gott gibt uns vielmehr die Kraft, diese Zeit auszuhalten.“ Von einer „Prüfung“ zu sprechen, wie es zuletzt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) getan hatte, hält sie für wenig hilfreich.

„Haben gelernt, dass wir nicht schweigen dürfen“
Thomas Sternberg, der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, sagt, der christliche Glaube habe durch Corona eine neue Dringlichkeit erhalten: „Wir merken jetzt, dass wir eben nicht nur das Ergebnis einer selbstverantworteten Selbstoptimierung sind. Wir können nicht alles bestimmen. Und der Mensch ist auch nicht für alles, was ihm widerfährt, selbst verantwortlich. Es gibt so etwas wie Schicksal oder Unverfügbares.“

Christine Lieberknecht, Pastorin und ehemalige Ministerpräsidentin des Landes Thüringen, hatte im Frühjahr für Aufregung gesorgt, als sie kritisierte, dass alte Menschen im Namen des Infektionsschutzes in Pflegeheimen eingekerkert würden – und ohne Begleitung ihrer Angehörigen sterben mussten.

Heute ist sie mit der evangelischen Kirche als Heimbetreiberin zufriedener: „Wir haben gelernt, dass wir nicht schweigen dürfen“, sagt sie: „Wenn der Tod nah ist, ist Abstand nicht das wichtigste Gebot. Dann geht es darum, eine Hand zu halten.“

„Die Frau wusste, dass sie nicht mehr viel Zeit hat“
Ulrich Lilie, Präsident der Diakonie Deutschland, ist Theologe – und Chef von 600.000 Beschäftigten in sozialen Einrichtungen. Nach der ersten Corona-Welle hat er viele besonders vom Virus betroffene diakonische Heime besucht. „Bei aller Nachsicht mit der Politik, wir hätten sehr viel früher aus den Erfahrungen des Frühjahrs lernen müssen“, sagt Lilie: „Jetzt haben wir eine bedrohliche Verschärfung der ohnehin angespannten Situation in der Pflege, wir brauchen dringend qualifizierte externe Unterstützung, um Tests und Impfungen flächendeckend umzusetzen.“

Wenn politische Entscheider dann auch noch sehr preiswert dahinsagten, mindestens an Weihnachten müsse doch der Besuch bei Alten und Kranken möglich sein, und dafür müsse man eben „testen“ – dann mache das viele Mitarbeiter wütend, denn sie seien an der Grenze ihrer Kraft.

Ralf Meister, Bischof der evangelischen Landeskirche Hannover, erinnert daran, was für eine Enttäuschung Weihnachten im ursprünglichen Sinn gewesen sei: „Da wartete man auf den Heiland, auf den Messias – und geboren wurde ein Kind in einem Stall mit Eltern, die nicht wussten, wie sie über die nächsten Tage und Wochen kommen sollten.“

Der Kirche würden im Augenblick schmerzhafte Fragen gestellt: Wo ist Gott in alldem? „Wir sollten daran denken“, sagt Meister, „wie aus der Weihnachtsenttäuschung das Weihnachtswunder wurde. „Wenn wir ‚Oh du fröhliche, oh du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit‘ anstimmen“, sagt der Bischof, „dann ist das ein Gesang für den Neubeginn des Lebens.“

Vielleicht ist das eine Idee für alle Verunsicherten: am Heiligen Abend um 20 Uhr von den Türmen und Balkonen des Landes ein Lied der Hoffnung zu singen.

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