Vortrag von Martin Michaelis: Hirte oder Mietling? Mit dem Wissen von damals

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Wer zu früh kommt, den bestrafen die Kollegen. Der Gleichklang säuselt Straffreiheit. Die Kirche zwischen Ermutigung und Anpassung, zwischen Passion und Selbstrettung. Wäre ihre Leidensbereitschaft zugleich die Rettung, auch die der Kunst gewesen? Der Theologe Martin Michaelis war Vorsitzender des Thüringer Pfarrvereins, der Pfarrvertretung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und der Pfarrergesamtvertretung der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands – bis er seine Positionen in der Corona- und Impfdebatte öffentlich vertrat.


 

Vortrag vom Festival    Musik und Wort /  Weimar 1.-3. September 2023

Im Programm, das euch in die Hand gegeben wurde, steht als Thema „Hirte oder Mietling?“ Ich werde darüber eher wenig sagen. Das ist das Thema für euch zum Nachdenken, während ich rede, falls es langweilig wird. Das steht da nur als kleine Gedankenstütze drin. Im Alten Testament sind Hirten immer geistliche und weltliche Verantwortungsträger. Ihr könnt überlegen, ob die Hirten wirkliche Hirten sind, oder nur Mietlinge, die lediglich für Geld arbeiten, das nennt man heute auch Diäten; oder ob sie zu Hütehunden verkommen sind, die rasend um die Herde kreisen und jeden zurückbellen, der eigene Wege gehen will; oder ob es gar die Wölfe sind, die lauern, ob jemand den Kopf hebt und sich zu weit aus der Herdenmeinung herausgewagt hat, um so ein Schaf dann zu reißen. Zuerst reißen sie die Hirten, um sich deren Klamotten anzueignen.

Martin Luther war gegen den Ablasshandel, weil der theologisch nicht zu vertreten war, zu halten schon gar nicht. Aber zu seiner wie zu anderer Zeiten wurde ja manches vertreten, was nicht zu halten war. Gegen die Klöster war er auch, weil man durch Werke nicht gerecht wird vor Gott. Er wollte die Bibel richtig übersetzen, also so, dass man sie lesen und dann auch verstehen kann. Philipp Melanchthon, der Lehrer Deutschlands, wollte, dass Studenten die alten Sprachen beherrschen, damit sie keiner mehr hinters Licht führen kann. Rechnen war genauso nötig gegen den Betrug, wegen Geld – und wegen Statistiken. Sie haben die alten Bibeltexte ausgelegt, erklärt und Studenten darin unterwiesen, damit man sich die Erkenntnisse zunutze machen kann. Aus Fehlern lernt man, so sagt eine alte Weisheit. Aber wer meint, es müssten immer erst die eigenen Fehler sein, nun der wird auch erst aus eigenem Schaden klug, vielleicht. Weil sie das bei Leuten in Verantwortung im Gegensatz zu heute vermeiden wollten, haben die damals tatsächlich Lust zum Lesen bekommen und es lernen wollen. Es war ein richtiger Bildungsentwicklungsschub in Deutschland. Luther meinte, für das Verständnis der Bibel sei es gut, dem Volk auf das Maul zu schauen.

Das unterschied ihn von einigen anderen, die es besser fanden, dem Volk aufs Maul zu hauen. Die gibt es heute noch, mit recht unterschiedlichem Handwerkszeug. Die einen brechen Haustüren auf und beschlagnahmen Kalender und Computer für Gerichtsverfahren gegen Ärzte, Richter und Journalisten, die anderen werden mit Helmen, Schlagstöcken und Pistolen auf die Straße geschickt, falls da jemand mit einem Grundgesetz herumläuft, noch welche machen Gesetze gegen Fakenews und Falschinformationen und dann gibt es noch die, die dem Volk vorschreiben wollen, wie es zukünftig zu sprechen hat, sonst gibt’s paar aufs Maul oder schlechte Noten an der Uni. Sie denken dabei, dass sie das Richtige tun und das Gute, weil sie denken, dass sie wissen, was falsch ist. Und wenn sie das nicht denken, weil sie wissen, dass das Falsche das Richtige ist, dann wissen sie nicht, was sie machen sollen und machen einfach weiter, weil sie denken, irgendetwas muss man ja tun. Dafür genügt dank der gigantischsten Notlagen, die die Welt je sah, dann auch das Wissen von damals. Und wenn sie dann laut sagen, dass man etwas tun muss und sie das anpacken, finden viele, zu viele das sogar gut und stimmen zu. Gern schauen sie denen dann auf das Maul. Denen mit dem Wissen von heute, das sie sogar damals schon hatten, und gesagt haben, denen hauen sie lieber auf das Maul, weil ihnen das Wissen von damals als Wissen von heute völlig genügt und damit sollen wir uns auch zufrieden geben.

Also, die Christen hätten ja mal zufrieden sein können, besonders die Protestanten: Der Ablasshandel bleibt abgeschafft, also zumindest die Spielform des 16. Jahrhunderts, ins Kloster muss auch keiner mehr, es genügt, wenn sie zu Hause bleiben. Und die Bibel bleibt übersetzt, vorlesen kann man daraus ja auch im Internet. Bildschirmgottesdienst, liebevoll verpixelt, mit künstlich-intelligenten Pfarrern.
Leider sind tatsächlich viele damit zufrieden, auch mit dem Schein des Schirms, des Bildschirms.

Uns wurde die Coronapandemie als neue Weltreligion samt ins irdische verlegter Höllenpein, Heilsversprechen und Heilsmitteln feilgeboten. Viele sind ziemlich flink konvertiert zum neuen Glauben, haben die Kirchentüren dichtgemacht. Das Abendmahl wurde als zu gefährlich erkannt, denn dieser Vorgeschmack auf das ewige Leben im Himmel, die Vergewisserung der Teilhabe an der Auferstehung Jesu Christi, da könnte man sich anstecken und das könnte einen ja das Leben kosten. Also für den Preis will keiner die Auferstehung! Die Bischöfe haben es auch gesagt, der Schutz des Lebens sei das wichtigste. Damit es nicht so auffällt, wurde der Übertritt zur neuen Religion, die jetzt neu und normal sein sollte und auch so hieß, als Synkretismus zelebriert, also eine Art Mischreligion, z.B. die Taufe mit Wasserpistole. Das gabs tatsächlich. Der Pfarrer zielt, selbstverständlich unter Einhaltung des Mindestabstandes, denn wo zwei oder drei versammelt sind, ist das Coronavirus mitten unter ihnen, mit der Wasserpistole auf das Kind. Alle sind gespannt, ob er trifft. Da ist es schon besser, wenn Pfarrer nicht im Schützenverein sind. Weniger, damit sie nicht in die Nähe der Reichsbürger geschubst werden, um ihnen mittels Polizei in einem medialen Großeinsatz endlich den Rollator oder die Waffen samt Waffenschein abnehmen zu können, wie kürzlich östlich des Harzes geschehen. Nein, viel schlimmer. Wer die Novelle „Der Schuss von der Kanzel“ von Conrad Ferdinand Meyer kennt, – da hat man einem Pfarrer vor dem Gottesdienst eine schwergängige Pistole zum Kauf angeboten, ihm dann aber die leichtgängige untergejubelt, an welcher er während der Predigt auf der Kanzel herumgefingert hat bis es knallte – also, wer die Novelle kennt, der hat sofort eine Ahnung, was passieren kann, wenn der Pfarrer die Pistolen verwechselt. Gar nicht auszudenken, wie groß die Spannung dann ist, ob er trifft. Da bekommt die geistliche Erkenntnis, dass wir in den Tod Jesu hineingetauft sind und so an seiner Auferstehung teilhaben, gleich eine erlebnispädagogische Komponente. Wenn dann noch die Besucherzahlen steigen, womöglich exponentiell, denn es ist in der Kirche so spannend wie noch nie, weil alle wissen wollen, mit welcher Pistole er heute tauft, kann man die Mindestabstände nicht mehr einhalten – und dann wird’s echt gefährlich.

Anstelle vom Abendmahl gab‘s den Piks im Altarraum, zelebriert von Militärangehörigen in Tarnkleidung. Wenige Tage nach meinen Worten bei der Lichterkettenveranstaltung am 5. Dezember 2021 in Sonneberg-Hönbach, die mir dank besonders verantwortungsvoller Kollegen und Kolleginnen aller kirchlichen Ebenen zum kompletten Verlust meiner Ämter verhalf, stand in der Zeitung, mit Bild, dass unweit so etwas tatsächlich angeboten wurde, weil man „ein Zeichen setzen“ wollte. Das war ja auch nötig, hatte ich doch empfohlen, die sogenannte Coronaschutzimpfung mal an Luthers Kleinem Katechismus zu überprüfen, der Erklärung zum 5. Gebot „Du sollst nicht töten.“ Er fordert, wir sollen unserm Nächsten an seinem Leibe keinen Schaden noch Leid tun, was ich zitiert habe. – Dagegen wurde also ein Zeichen gesetzt. Gegen die lutherische Auffassung, vermute ich mal, was sonst? – Also, ich wäre da lieber nicht hingegangen, nach dieser Ankündigung.
Vielleicht sollte ich das doch noch klarstellen: Das 5. Gebot spricht dank Luthers Auslegung eher gegen die Pistolentaufe. Ich fand, es sieht auch irgendwie komisch aus, die Liebe Gottes aus der Pistole.

Mir wurde ja damals vorgeworfen, ich würde das Virus nicht ernst nehmen – das stimmt überhaupt nicht! – und das sei zynisch. Deshalb wurde ich abgewählt. Ich habe nachgeguckt: Zynismus ist, wenn man die Lebensspielräume von anderen auf die einfachen Lebensvollzüge wie Essen, Trinken, Schlafen, Dach überm Kopf reduziert und ihnen alles andere wie Kunst, Kultur, Religion, Bildung, Sport, Freizeitgestaltung vorenthält. Das alles hat es ja tatsächlich gegeben, flächendeckend, unhinterfragbar. Aber ich war das wirklich nicht. Das waren andere. Weder mit Menschen noch mit dem Virus habe ich so etwas gemacht. Was ich natürlich nicht ausschließen konnte, ob sich das Virus so gefühlt hat, also zynisch diskriminiert. Solche Gefühle anderer können einem gefährlich werden. Also wollte ich das nachträglich klären, auch wenn das meistens nichts mehr bringt. Ich bin in mich gegangen, habe den Kontakt gesucht mit ihm gesprochen, dem Virus. Ich habe gedacht, wenn Menschen, also welche, die früher Menschen waren, sich heute als Füchse oder Katzen fühlen und so auf die Straße dürfen, darf ich auch mit einem Virus oder einer Virussin reden. Also, das hat jetzt wirklich nur etwas mit Gesundheit und Geschlechtergerechtigkeit zu tun und nicht mit Weltpolitik, da wäre das schon wieder ganz anders.

Aber ich denke, jetzt nach dem Gespräch: das Virus selbst ist gar nicht religiös. Es hat auch nicht so richtig mitgemacht, wie es sollte. Deshalb haben sie es dann unter Druck gesetzt, ihm vehement nachspioniert, mit allen möglichen Tests, mit geheimnisvollen Abkürzungen, so viele Tests, dass es das merken musste. Erst da, so hat es mir erzählt, hat es sich rumkriegen lassen und halt doch mitgemacht. Oft, also meistens, je höher der Testdruck wurde, hat es aber nur so getan, als ob es mitmacht. Alles andere war ja nicht zu leisten. Es hat dann mitteilen lassen: „an oder mit Corona“. Ihr erinnert euch? Weil es sich nicht festlegen wollte, wegen später, dem Wissen von dann.

Das Gespräch war manchmal ein bisschen durcheinander, das Virus war irgendwie durch den Wind und verstand die Welt nicht mehr. Es hätte doch wie schon immer nur seine Pflicht getan, halt so bisschen rumgemacht. Die meisten haben es anfangs abgetan und gesagt, es sei ihnen einfach Schnuppe. Doch dann hatten sie es nach Wuhan eingeladen. Frau Merkel war auch dort. Erst waren sie ja freundlich, aber dann kam raus, dass sie es rund machen wollten, verschleiernd nannten die das Runderneuern. Es wäre nicht so schlimm, nur wie bei alten Reifen, die man danach wieder als ganz neue verkaufen kann. Neues Profil mit Spikes für bessern Grip im Winter. Da durfte es dann auch wieder raus.
Allerdings war es gleich ziemlichem Mobbing ausgesetzt. Emmanuel Macron hat ihm für ganz Frankreich den Krieg erklärt. In Deutschland, eher bürokratisch geprägt, hat man einen anderen Weg gewählt: Es hat vom Innenministerium eine Dienstanweisung bekommen, wie es Kinder erschrecken soll, und wie es sich aufblasen soll, bis zu zwei Metern Durchmesser, damit man es im Fernsehen zeigen kann und die Leute glauben, dass es sich mit seinen Spikes im Baumwollstoff oder Zellstoff verfitzen würde. Insgesamt kam schnell raus, dass sie wieder nicht zufrieden waren mit seinen Leistungen. Es hat’s halt nicht gekonnt! Jedenfalls nicht viel besser als früher. Da haben sie ihm mit Vernichtung gedroht und mit Bedeutungslosigkeit. Wenn es sich nicht zum Affen machen lassen würde, dann würden sie andere Viren beauftragen, sie hätten genug davon und würden das außerdem jetzt mit ihrer Vaccin-Wunderwaffe selbst in die Hand nehmen. Frau Merkel hat eins draufgesetzt, es noch wegen seiner Bildungslücken beleidigt, es würde Weihnachten und Ostern nicht kennen, überhaupt gar keine Feiertage.

Ja. Und wo war dann die Gefahr in den Gottesdiensten? Wenn‘s Weihnachten und Ostern nicht kennt, wäre es doch sowieso nicht in die Kirche gegangen. Es gehen doch nicht mal mehr die hin, die es kennen.
Ich habe mir das vom Krisenstab des Landeskirchenamtes der EKM bestätigen lassen, vor Zeugen. „Gab es Fälle von Ansteckungen in Gottesdiensten?“ Antwort: „Nein, keinen einzigen.“

Es stimmte also. Damit hatte ich nicht gerechnet. Frau Merkel hat in den Nachrichten die Wahrheit gesagt. Das Virus kannte Ostern und Weihnachten wirklich nicht, wusste mit dem Glockengeläut nichts anzufangen und ist nicht hingegangen.

Wenn das Virus möglicherweise dumm ist, also, ich meine ungebildet, dann müsste es zuerst in die Schule. Das würde wiederum manches erklären, sogar die Gerichtsentscheidung gegen den Weimarer Richter Christian Dettmar, der die Kinder vom Maskenzwang befreien wollte, wäre plausibel gewesen. Eigentlich könnte man das leicht aufklären. In Worms im April 1521, zwei drei Tage nach dem verweigerten Widerruf wurde Martin Luther aufgefordert, er sollte selbst einen Richter vorschlagen. Er hat gesagt, er würde ein Kind von acht oder neun Jahren benennen. Der Papst käme nicht in Frage. Jeder Christ muss für sich selbst prüfen und urteilen.[1] Hätten die doch in Weimar mal auf Luthern gehört und die Kinder entscheiden lassen. Lutherischer Tradition wäre echt hilfreich gewesen.

Kirchlicherseits gab es den Vorschlag, man könnte sich mit den Künstlern solidarisch erklären und dem Virus und generell allen die Kirchentüren trotzdem verschließen, auch wenn das nicht angeordnet wurde, weil die Künstler auch zumachen mussten. (Das stimmt übrigens.) Das nenn ich Mitgefühl und Solidarität! Sie haben dann dennoch in den Kirchen was veranstaltet. Aber vielleicht wegen des unguten Gefühls der Ungleichbehandlung, haben sie Künstler im Gottesdienst auftreten lassen, also keine so richtigen Auftritte gegen Honorar, nur so zum Zeigen, dass sie es noch können, damit das Selbstbewusstsein nicht den Lauterbach runtergeht.
Also ich fand das riskant. Frau Merkels Äußerungen ließen zwar den Schluss zu, dass das Virus nicht religiös ist, logisch, ganz klar. Aber unbekannt war, vom RKI nicht abschließend geprüft, ob das Virus vielleicht trotzdem musikalisch sein könnte und so durch die Hintertür reinkommt. Das war nicht auszuschließen, denn ich habe die Bilder der Musiker noch in Erinnerung, die mit Masken das Virus verschrecken konnten. Es ging ja ums Verschrecken, nicht wirklich ums Zurückhalten, denn Blechbläser, Flöten- und Oboenspieler wurden sogar durch solche Masken gerettet, in die man ein Loch für die Mundstücke geschnitten hatte. Das Virus ist nicht religiös, aber es hat Gefühle und ist ungebildet. Man kann es so leicht verschrecken und austrixen.

Wahre Solidarität mit den Künstlern wäre es übrigens gewesen, nach der Erkenntnis, dass das Virus in den Kirchen keine Gefahr darstellt, mit diesem Nachweis an die Öffentlichkeit zu gehen und fürs Theater und Konzerte gleiche Bedingungen zu fordern. Aber da war wohl die Sorge um die eigenen Privilegien zu dominierend.

Das Virus hat mir gegenüber beteuert, es sei nur ein kleiner – wer wollte das bestreiten – ein sehr kleiner dahergelaufener Auftragsräuber. Seitdem die Leute es mittels Masken gefangen und dann in die Hosentaschen gesteckt haben, wurde es herabgestuft zum Taschendieb. Die Viren fanden diese Masken so ekelig, dass sie sich aus dem Staub der Staubschutzmasken gemacht haben, womit bewiesen wäre, dass die Maßnahmen wirkten, bis in die Hosentaschen. Weg waren sie. — Aber seine Auftraggeber, die haben es in sich. Während sie den kleinen dahergelaufenen Auftragstaschendieb zur Ablenkung medienwirksam sozusagen die Scheiben unserer Häuser einschlagen ließen, plündern die richtigen Gangster die Staatskasse und machen die Leute krank, wenn nicht schlimmer.

Deshalb ist das gar nicht lustig, nur absurd. Und eine Aufarbeitung ist vonnöten.

„Mit dem Wissen von damals“ … wenn jemand mit diesen Worten beginnt, darf damit gerechnet werden, dass jemand sein Intelligenz-Licht unter den Scheffel stellen wird, weil er hofft, sich mit Unwissenheit herausreden zu können. Wenn es um den Erkenntnisstand der letzten Jahre geht, lässt sich mit dem Buch von Thomas Maul „Was man wann wissen konnte – Hinweise zur Aufarbeitung der Corona-Verbrechen“ schnell klären, welchen medizinischen und politischen Kenntnisstand man sich zu welchem Zeitpunkt verschaffen konnte, – hätte man es denn gewollt.

Wie sieht das nun bei uns aus? Also für Theologen und Pfarrer, Kirchenleitungen? Was konnte man damals wissen? Was wusste man? Es muss ja nicht dasselbe sein, was man wissen konnte und was man weiß. Was man weiß und was man sagt, ist auch nicht immer dasselbe. Es gibt einige, die wissen nichts und sagen viel, andere wissen alles und sagen nichts, weil sie ganz genau wissen, was sie vergessen wollten oder sollten, je nachdem, wo sie politisch mal herumgestanden haben.

Für Mediziner: Wie hätte man entscheiden können – mit dem Wissen von heute?
Für Theologen: Wie hätte man entscheiden sollen – mit dem Wissen von damals?

Das ist recht unterschiedlich in den beiden Berufsgruppen. Das hat Gründe.

Der Schutz des Lebens sei das Wichtigste, das bekamen wir oft zu hören. Wenn Mediziner das sagen, gut, dann ist es ihr Beruf. Wenn kirchenleitende Theologen das sagen und deshalb die Kirchentüren zu Ostern 2020 geschlossen blieben, ist es dann auch ihre Aufgabe gewesen? Das betraf zwar ebenfalls Theatertüren, Kinotüren auch. Altenheimtüren waren auch zu, Schultüren ebenso. Aber bleiben wir mal bei den Kirchentüren. Mit welchem Wissen von damals hätten Entscheidungen anders getroffen werden können oder müssen? Ein Theologe aus der Leitungsebene sagte kürzlich, mit dem Wissen von damals seien das schon die richtigen Entscheidungen gewesen. Aber da ist doch zuerst die Frage zu stellen, also für welchen Beruf mit welcher Verantwortung für welche Entscheidungen ist welches Wissen, sind welche Kriterien relevant? Und was meint er mit dem Wissen von damals?

Ich mache es jetzt mal konkret, jetzt kommt Wissen von damals:

In seiner ersten Predigt im „Seelenschatz“ schreibt Oberhofprediger Christian Scriver von der Seelen Vortrefflichkeit und Würdigkeit, in Betrachtung ihrer Schöpfung[2] mit offensichtlicher Freude an der deutschen Sprache über Mt. 16,26 „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“. Er schreibt, wie wertvoll die Seelen sind:

„Unser Heiland leget in unserem Texte, so zusagen, die menschliche Seele in die eine, und die ganze Welt in die andere Waagschale und gibt für jene den Ausschlag, sagend: Wenn ein Mensch schon die ganze Welt mit aller ihrer Herrlichkeit, Ehre, Hoheit, Reichtum, Schätzen, Wollüsten, Pracht und Freude könnte gewinnen, so hätte er doch nichts gewonnen, wenn er seine Seele dagegen verlieren sollte: Es wäre eben, als wenn ich einem wollte hundert-tausend Thaler, oder etliche Millionen für sein Herz geben. Was hilft ihm das Geld, wann er’s schon in großen Säcken und Beuteln um sich stehen, und den Besitz davon hätte, wenn ihm dagegen, bald nachdem er das Geld empfangen, das Hertz aus dem Leibe sollte gerissen werden? Was ist Geld ohne Leben? Und was ist aller Welt Gut ohne die Seele? Was hilft die Eitelkeit ohne die Ewigkeit? Was hilft’s, wenn ich alles habe, und besitze es eine kleine Zeit, und verliere mich selbst, und meine Seele in Ewigkeit?“

Das war das Wissen von damals, so richtig damals, erstmals gedruckt 1675. Konnte man das 2020 und 2021 und 2022 und 2023 schon wissen?
Er wusste zwar noch nichts von Herzmuskelentzündungen als eine der bekanntesten Nebenwirkungen, aber er schrieb vom Herz, das einem herausgerissen würde, damals noch so ganz fiktiv. Nun, die Zeiten haben sich geändert.

Was ist mit den Seelen der Menschen geschehen, am meisten mit den Seelen derer, die sich am wenigsten wehren konnten, den Kinderseelen in den Kindergärten und Schulen, den weggeschlossenen alten Seelen. Wer hat nach ihnen gefragt? Eine Richterin, die es für eine alte Frau getan hat, ist ihren Job los. Wer hat den Wehrlosen auf das Maul geschaut und ins Herz? Man hat ihnen das Maul verbunden, gestopft. Und wer dagegen protestiert hat, den hat man auf das Maul gehauen und Pfefferspray ins Gesicht gesprüht. Wer fragt jetzt danach? Wer hat dafür die Verantwortung zu übernehmen?

Christian Scriver, damals einer der bekanntesten Erbauungsschriftsteller, hatte eine tiefe Verantwortung verspürt. Er schreibt über die Last des Amtes:

„Die Lehrer werden erinnert, dass ihnen nicht befohlen ist, Gänse oder Kühe zu hüten, sondern die Gemeine, die Gott mit seinem eigenen Blute erworben hat. Es ist ihnen nicht anvertrauet Silber oder Gold, Perlen oder Edelgestein, sondern die Seelen der Menschen, die Gott zum ewigen Leben erschaffen und Christus Jesus mit seinem teuren Blut ihm zum Eigentum erkauft hat, und sie sollen Rechenschaft geben als von einem anbefohlenem kostbaren Kleinod.[3]

Das ist ja mal interessant, die Pfarrer, die Kirchen müssen sich gar nicht zuerst vor den öffentlich-rechtlichen Medien verantworten, sondern vor Gott. Was ist uns geblieben von diesem Wissen, dem von damals?

„Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen, hat sich das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben.“[4] Ich will jetzt nicht über die gleichberechtigte Gliedschaft im vereinten Europa reden oder warum sich die verfassungsgebende Gewalt keine Verfassung gibt, die Gewalt nur zum Grundgesetz reicht. Es geht mir jetzt mal nur um das Bewusstsein der Verantwortung vor Gott. Das ist geblieben. Immerhin, in die Präambel des Grundgesetzes hat es die Verantwortung vor Gott geschafft und ist noch drin. Die kriegt man auch nicht weg, höchstens aus dem Text kann man sie tilgen, jedoch wird sie am Jüngsten Tag wieder auferstehen. Dagegen das Bewusstsein der Verantwortung vor Gott, das ist weitgehend verschwunden. Weiter oben wird nicht nur die Luft dünner.

Was mag eigentlich die Kirchen bewogen haben, die Kirchentüren für Gottesdienste überall zu schließen? Was mag sie bewogen haben, vor Kirchen Banner aufzustellen „Impfen ist Nächstenliebe“? Das war sogar ein Synodenbeschluss. Noch im Dezember 2021, gleich nach meiner Andacht zur Lichterkette in Sonneberg, hat die Kirchenleitung über die Presse bekanntgegeben, dass ich mich diametral gegen diesen Synodenbeschluss gestellt hätte. Ich hatte das zwar so ausdrücklich damals noch gar nicht gesagt, war aber dankbar für diese öffentliche Klarstellung, denn mit diesem Beschluss wollte ich wirklich nicht in Verbindung gebracht werden. Selbstverständlich habe ich mich an der richten Stelle dafür bedankt. Trotzdem bleibt die Frage, was hat sie bewogen, so unkritisch alle staatlichen Vorgaben zu übernehmen, ohne jedes öffentliche Hinterfragen, bei der Absage der Gottesdienste sogar vorauseilend. Was hat sie bewogen, die ohnehin wenigen Kritiker aus den eigenen Reihen durch Ämterverlust oder Disziplinarverfahren oder beidem zum Schweigen bringen zu wollen?

Wollten sie es nur möglichst vielen recht machen, zuerst den Mächtigen und dann den Ängstlichen, selbst auf die Gefahr hin, die alten Vorwürfe von zu viel Staatsnähe zu neuem Leben zu erwecken? War es das Harmoniebedürfnis, auch mit der Regierung, oder schon die Angst vor irgendwas. Angebote gab es ja genug? Dafür war das alles eigentlich schon zu garstig, zu bösartig. Gab es offene Rechnungen? Die gibt es immer. Bot sich nun die Gelegenheit, es endlich heimzuzahlen? Was ist los in dieser Gesellschaft? Kann man sich das erklären? Ich habe im Wissen von damals gekramt, diesmal von ganz damals. Genau dasselbe hatte vor mir nämlich schon einer getan, zeitlich gesehen ungefähr auf halbem Wege. Friedrich Carl Freiherr von Moser ließ 1783 ein Buch drucken: Doctor Luther’s Fürsten-Spiegel. Er hatte in einer persönlich-politisch aufgeheizten Situation – mehr gibt er nicht preis – eine neunbändige Ausgabe mit Luthers Schriften in die Hände bekommen. Im Vorwort schreibt er im Wiener Exil: In einer langen nachtvollen Einsamkeit im Jahr 1781 las ich zu Herzens-Trost und Stärkung unsers großen Luthers Schriften … ich stieß auf so viele herrliche und herzliche Stellen von Erfahrungs-Weisheit, Welt- und Menschen-Kenntniß, die ich, frey zu bekennen, im Doctor und Professor Theologiä nicht gesucht hätte, die aber mit meinen eigenen Erfahrungen und mit der besondern Lage, worin ich mich befand, so wundernswürdig harmonirten, als wenn Luther an eben dem(selben) Ort geboren und erzogen und an eben dem(selben) Feuer gesotten und gebraten worden (wäre).[5]

Das macht einen ja neugierig, welche Lutherworte ihm so sehr aus dem Herzen sprachen, dass die zweihundertfünfzig Jahre dazwischen gar nicht ins Gewicht fielen?
„Es ist eine gemeine Klage in allen Ständen und Leben über falsche verlogene Leute, wie man spricht: Es ist keine Treue noch Glauben mehr; und mich dünket, daß kein schändlicher Laster auf Erden sey, denn Lügen und Untreu beweisen, welches alle Gemeinschaft der Menschen zertrennet. Dann Lügen und Untreu zertrennet erstlich die Herzen; wenn die Herzen getrennet sind, gehen die Hände auch von einander; wenn die Hände von einander sind, was kann man da thun oder schaffen? – Wo nun Treu und Glaube aufhöret, da muß das Regiment auch ein Ende haben. Christus helfe uns Teutschen! Wenn nun solch Laster am Hofe und in den Ämtern auch ist, so muß es auch darnach gehen. Dann ob Bürger und Bauer einander betrügen, belügen, täuschen und beschmeißen, das ist noch nicht der ärgste Teufel, weil sie nicht im Regimente sind; aber wenn es kommt in die hohen Leute, so Land und Leuten Schaden thun, das ist der Beelzebub. (T VI Lips p 389)“[6] Der Beelzebub ist der Oberteufel, gewissermaßen der Kanzler der Teufel. Der kennt sich auch aus, wer alles in der Hölle wohnt, welche Engel hingefallen sind, das sind dann gefallene Engel, und wen er von denen auf die Welt schickt. Das als kleine Erklärung zu dieser alten Vokabel.

Ist das, was wir seit einigen Jahren erleben, nun etwas ganz neues, auf das man auch ganz neue Antworten finden müsste, wie manche uns glauben machen wollen, oder kommt da etwas an die Oberfläche, was schon lange oder sogar immer da war, wovor wir nur Gelegenheit hatten, für eine Weile die Augen verschlossen zu halten?

Was hätte man da von einer Kirche, einer protestantischen erst recht, erwarten dürfen? Worauf hätte sie sich vorbereiten, gefasst machen müssen?

Mir sei ein Hinweis erlaubt: Nach lutherischem Verständnis ist die Kirche die unter Gottes Wort und den Sakramenten versammelte Gemeinde[7], nicht eine Institution oder gar die Leitungsebene einer solchen. Es sind alle Christen gefragt und beauftragt. Pfarrer haben sie in diesem Glauben zu stärken und zu ermutigen, die geistliche Leitung hat diesbezüglich die Pfarrerschaft einzusetzen und zu schützen, die kirchliche Verwaltung die materiellen Voraussetzungen sicherzustellen. Alles hat der Verkündigung zu dienen, also dem Wort Gottes und den Sakramenten.

Was heißt das nun? Als Lutherischer Christ vertraue ich darauf, dass ich einen liebenden und gnädigen Schöpfer habe, der mich als sein Ebenbild, also sein Gegenüber, mit dem er sich unterhalten möchte, geschaffen hat. Er hat mir persönlich mein Leben gegeben, das ich irgendwann in seine Hände zurücklegen darf. Es gehört immer zugleich mir und ihm, niemals einem anderen Menschen. Dank des Todes und der Auferstehung Jesu Christi vertraue ich darauf, dass ich im geistlichen Sinne den Tod schon hinter mir habe, nur noch den leiblichen werde ertragen müssen. Zur Vergewisserung feiere ich Abendmahl, in dem mir Christus Anteil an seinem in den Tod gegebenen und auferstandenen Leib und Blut gibt. Als Christ glaube ich deshalb, dass ich den Tod überleben werde. Die vergängliche Welt kann mir keine Angst mehr machen. In der Not sollen wir das verkündigen: zum Trost in der letzten Stunde, als Abwehr gegen alle Angst, als innere Freiheit in den irdischen Tagen, mit gravierenden Folgen für die äußere Freiheit.

Paul Gerhard hat das Osterlied gedichtet: „Auf, auf, mein Herz, mit Freuden, nimm wahr, was heut geschicht“. Die fünfte bis siebente Strophe ist die passende Antwort auf alle Angst und erst recht auf alle Angstmache, besonders für das Jahr 2020 gewesen, das Wissen von damals, das man hätte haben und anwenden können, seit dem Jahr 1647: (mein Haupt = Christus)

  1. Die Welt ist mir ein Lachen
    mit ihrem großen Zorn,
    sie zürnt und kann nichts machen,
    all Arbeit ist verlorn.
    Die Trübsal trübt mir nicht
    mein Herz und Angesicht,
    das Unglück ist mein Glück,
    die Nacht mein Sonnenblick.
  2. Ich hang und bleib auch hangen
    an Christus als ein Glied;
    wo mein Haupt durch ist gangen,
    da nimmt er mich auch mit.
    Er reißet durch den Tod,
    durch Welt, durch Sünd, durch Not,
    er reißet durch die Höll,
    ich bin stets sein Gesell.
  3. Er dringt zum Saal der Ehren,
    ich folg ihm immer nach
    und darf mich gar nicht kehren
    an einzig Ungemach.
    Es tobe, was da kann,
    mein Haupt nimmt sich mein an,
    mein Heiland ist mein Schild,
    der alles Toben stillt.[8]

Soweit das Wissen von damals und die Kunst von damals.

Was wäre gewesen, wenn wir darauf bestanden hätten, Gottesdienste zu feiern, zu predigen, ganz normal mit der Hand zu taufen, ohne Pistole, Paul Gerhards Lied laut zu singen, beim Feiern des Abendmahls einsetzungsgemäß alle – Evangelische dürfen das – aus einem Kelch einen guten Messwein zu genießen, einen roten Likörwein aus dem sonnigen Süden Italiens mit 16%, den es bei mir im Gottesdienst als Vorgeschmack auf das Himmelreich für alle gibt? Was wäre geschehen? Wenn es einige Gemeinden öffentlich gemacht hätten, dann wäre der große Zorn der Welt aus dem Jahr 1647 ins Jahr 2020 geplumpst. Wenn es alle gemacht hätten, wäre die Pandemie zu Ende gewesen, dem Zorn ein Lachen entgegengeschallt. Nicht nur und nicht zuerst unser Lachen wäre es gewesen, auch das aus Psalm 59,9: „Aber du, HERR, wirst ihrer lachen.“

Was wäre geschehen? Hätten wir vielleicht eine Erfahrung der Reformationszeit wiederbeleben können? Martin Luther, nicht ohne einen gewissen Spott: „Das ist aber das allerschwerste und allerschädlichste, dass sich die Gottlosen bei ihrem falschen Gottesdienste mehr fürchten als die Frommen bei ihrem wahren Gottesdienste. Dort quälen und ängsten auch die geringsten Dinge die Gewissen; … Derowegen ist dieses die fürnehmste Frucht des unrechten Gottesdienstes und der Menschensatzungen, dass sie den Gewissen ein leeres Schrecken einjagen, wo keine Furcht ist, wie der 53. Psalm Vers 6 spricht: ,Da fürchten sie sich, da nichts zu fürchten ist.‘ Hingegen, wo man sich fürchten sollte, bei der Übertretung der Gebote Gottes, daselbst ist die größte Nachlässigkeit und die größte Verachtung.“[9]

Gut, zugestanden, der eine oder andere hatte wirklich Angst und deshalb nicht den Mut zu diesem Bekenntnis. Aber jetzt müssten wir das doch wenigstens im Nachhinein endlich auch und vor allem theologisch diskutieren dürfen, um Lehren aus der Vergangenheit ziehen zu können, um die alten Fehler nicht immer zu wiederholen. Eine Kirche ohne Auferstehungsglauben braucht keiner, denn die tröstet und hilft niemanden, wird zur Hure der Politik. Ich fürchte, so weit, dass die Aufarbeitung beginnt, sind wir noch lange nicht.

So oder so, egal wann: was müssen wir geistlich bedenken und worauf müssen wir gefasst sein als Christen, die ihren Glauben ernst nehmen, also eigentlich nur richtig glauben und danach leben?
Da suchen wir noch einmal beim Freiherrn von Moser, was er als Leser von Luthers Schriften hilfreich fand. Die Überschrift vom Freiherrn stimmt schon ein wenig ein:
Auf Undank und Mißkennung wahrer Treue muß sich ein Christ von vornen her gefaßt machen, und stets bedenken, daß er Gott in seinem Amt dient.
Dann schreibt er weiter mit Martin Luther: Wir müssen unser Leben auf diese Weise einrichten, daß wir uns darzu bereiten, daß man uns und unserer Arbeit spinnefeind werde; und wo uns etwas anders widerfahren wird, darauf wir doch nicht gehofft hatten, dasselbe mögen wir alles für eitel Gewinn rechnen. Du wirst die Welt nicht ändern, sondern sollst also sagen: Ich muß hindurch, dann (denn) ich habe diß Amt nicht angenommen um der undankbaren Welt, sondern um Gottes willen. So nun etliche fromme Leute sind, die unsern treuen Dienst und Amt erkennen, dessen haben wir uns zu freuen; ist es aber auch Sache, daß der mehrere Theil uns verfluchet und verdammet, sollen wir wissen, daß solches unser Lohn sey und daß wir damit sollen gleichförmig werden dem Sohne Gottes und allen Heiligen, welche auch also für ihre höchsten Wohlthaten die allergrößeste Undankbarkeit der Menschen und das äußerste erfahren und empfunden haben. Luther T III Lips p 118“[10]

Wir müssen damit rechnen, dass uns die Leute spinnefeind werden. Anerkennung wird es nur von wenigen geben. Der größere Teil, die Mehrheit, um es genauer zu nehmen, wird sich uns gegenüber sehr hart zeigen, uns verfluchen und verdammen. Wer ein geistliches Leitungsamt innehat, der muss dafür als Vorbild allen voran bereit sein. Und was machen wir dann, wie sollten wir uns verhalten, mit dem Wissen von damals, erste Hälfte 16. Jahrhundert, Martin Luther folgend?

„In der Welt findet man viel Unrecht, Bosheit, Undankbarkeit, so daß es weisen und frommen Leuten billig wehe thut, und wer weise und verständig ist, der hat desto mehr Ursache zu zürnen, ungeduldig und unlustig zu werden. Deßwegen sollen die Christen doch Gottes Befehl und Wort folgen[11], nicht in die Winkel kriechen, sondern mitten in der Welt jeder nach seinem Beruf regieren. Wann ihnen aber in den göttlichen Ständen der leidige Teufel in allerley Anfechtungen bange macht, und (es) gehet nicht, wie sie wollen, das sollen sie im Glauben tragen und leiden und darum nicht aufhören. T VI Lips p 636“[12]

So, jetzt ging‘s aber hinein in die Gefühlswelt! Unrecht und Bosheit gibt es in dieser Welt und wer weise ist und fromm, – das war zu Luthers Zeiten kein rein religiöser Begriff, es bedeutete zuerst „treu“ gegenüber Gott und Menschen – wer weise ist und fromm, also treu, den schmerzt es besonders, Grund genug zu berechtigtem Zorn und zur Ungeduld, aber kein Grund, wider besseres Wissen den Bedrückern nachzugeben, schon gar nicht sich zurückzuziehen, in den Winkel zu kriechen, wie Luther es ausdrückt. Und wenn uns angst und bange wird, gemacht wird? Dann soll man das zwar ertragen, erleiden aber weitermachen. Manche denken ja, als Christ müsste man sich alles gefallen lassen und keinen Widerstand gegen das Unrecht leisten. In diesem Zitat kann ich das nicht entdecken, im Gegenteil, selbst wenn sie mir Angst machen, soll ich gerade nicht aufhören. Interessant finde ich besonders ein Wort. Gottes Wort folgend soll „mitten in der Welt jeder nach seinem Beruf regieren. Gewiss war Luther die Herkunft des Wortes „regieren“ bewusst, konnte er doch perfekt Latein: regere = gerade richten, lenken. Aber zugleich war es der Begriff für das Lenken des Staates, für das politische Regieren. Daran sollte jeder in seinem Stand mitwirken, die Geschicke des Landes gerade richten, nach Gottes Wort, hier mal zuerst nach den zehn Geboten: es darf niemand getötet werden, 5. Gebot, jedenfalls nicht einfach so, auch nicht als gesundheitlicher Kollateralschaden, auch kein Schaden am Leib ist dafür zulässig. Es darf nicht gestohlen werden; auch nicht unter dem Schein des Rechts darf man ein Land ausrauben. Das steht übrigens im großen Katechismus zum 7. Gebot. Man darf nicht über jemanden Unsinn erzählen zu seinem Schaden, auch keine Halbwahrheiten. Das verbietet das 8. Gebot jedem Christen, auch in seinem Beruf, sogar wenn er für die Medien arbeitet. Ich weiß, wovon ich rede.

Bei dem Thema kann ich auch unlustig werden. In Luthers Auslegung zum Buch des Propheten Jesaja finden sich Beschreibungen, die für die Zeit und Gegend geschrieben sein könnten, in der ich geboren und erzogen wurde: „Sie heften den Heiligen falsche Verbrechen an, dadurch sie ihre Lehre bei den Zuhörern verdächtig machen mögen. Gleichwie sie uns heute zu Tage Ketzer und Aufrührer nennen, und mit diesem Namen töten, da doch, nach ihrem selbst eigenen öffentlichen Zeugnisse, beides falsch ist.“[13]

Beim Zuhören kann man merken, dass sich die Sprache ein wenig weiterentwickelt hat, schneller als die Methoden. Früher waren das Ketzer und Aufrührer, heute hat man da viel mehr Varianten, arbeiten ja auch mehr Leute dran. Warum und wann heftet man Menschen falsche Verbrechen an?

Wenn es eine verkehrte, verdrehte Welt ist: „In der Vulgata lautet es; Declinant justum frustra. Sie meiden den Gerechten ohne Ursache. Man muss dergleichen Redenarten des Heiligen Geistes gewöhnen (im geistlichen Sinne betrachten). Denn der Heilige Geist nennet denjenigen gerecht, den die Welt einen Ketzer heißt. Ebenso nennet der Heilige Geist der Gottlosen Lehren ein Gespienes, was sie selber Gottes Wort und die heilige Lehre nennen. Derowegen ist es nötig, an der Heiligen Schrift die entgegengesetzten Redenarten fleißig zu suchen und abzuhandeln. – Das war für Luther das, was wir heute Aufarbeitung nennen! – Auf gleiche Weise auch das Wörtlein frustra – umsonst oder ohne Ursach. Denn die Gottlosen sagen nicht, dass sie uns ohne Ursache hassen, sondern sie sprechen, sie hätten die größten Ursachen. Also spricht Christus Ps 69,5 Sie hassen mich ohne Ursach. Caiphas (der Hohepriester) aber wollte es nicht zugestehen, dass er ihn ohne Ursache hasse; sondern er hatte die größte Ursache, dass nämlich das Volk an ihn glaubte, Joh 11,48. Diejenige Ursache aber, die vor der Welt die größte ist, ist vor Gott ganz und gar keine.“[14]

Die weltlichen Be und Verurteilungen geschehen oft nicht in guter Absicht und haben vor Gott deshalb keinen Bestand, sind manchmal sogar das Gegenteil, selbst wenn sie vorgeben, das Land retten zu wollen, vielleicht sogar davon überzeugt sind. Wir sehen uns mal den Vers aus dem Johannesevangelium an, auf den Luther hier verweist: Joh 11,47-48
„Da versammelten die Hohenpriester und die Pharisäer den Hohen Rat und sprachen: Was tun wir? Dieser Mensch tut viele Zeichen. Lassen wir ihn so, dann werden sie alle an ihn glauben, und dann kommen die Römer und nehmen uns Land und Leute.“ Gasleitungen gab es damals, glaub ich, noch gar nicht. Na ja, die Römer gibt es ja auch nicht mehr. Beinahe könnte man der Sorge des Hohen Rates um Land und Leute etwas abgewinnen, aber sie waren eben dafür bereit, ihren besten Mann an die Besatzer auszuliefern und umzubringen. Weil sie ihre Untertanen, vor allem deren Steuern behalten wollten, waren sie bereit, als Vasallen gegen die eigenen Leute vorzugehen.

Im Fürstenspiegel beschreibt Martin Luther, wie es in die Wege geleitet wird, dass nichts mehr funktioniert. Bei den Bezeichnungen für die Regierung muss man beim Zuhören ein wenig mit den Vokabeln spielen. „Schatzungen“ sind übrigens Steuern.

Mit welchen Künsten Fürsten von gründlicher Wissenschaft abgehalten und aus Fürsten Soldaten gemacht werden

„Ach, sagte einst Luther, es ist mit dem Teutschen Reich geschehen, jetzt sind Fürsten und Herrn ungelehrt, denn sie haben nicht studirt, wollens auch nicht thun, meynen es sey ihnen eine Schande, drum wissen sie auch nicht zu regieren. Ihr größter Fleiß und vornehmstes Studium und Uebung ist große Hengste reiten, panketieren, spielen, jagen und die Unterthanen mit unnöthigen Schatzungen beschweren, schinden und schaben, indessen regieren die von Adel und führen die Herrn in alle Noth. Wann ein Fürst die lateinische Sprache lernet und studieret, so fürchten die von Adel und Räthe, er werde ihnen zu gelehrt und klug und sagen: Was will Euer Fürstl. Gnaden ein Schreiber werden. Euer Gnaden müssen ein regierender Fürst werden, müssen weltliche Händel lernen und was zur Reiterey und zum Kriege gehört, damit Land und Leute geschützet und erhalten werden. Das ist ein Narr bleiben, den wir mögen an der Nase umher führen wie einen Bären.“[15]

Martin Luther hat gut beobachtet, wie es im Land zuging und hat dazu nicht geschwiegen. Einerseits hat er Ehre für diejenigen eingefordert, die das Land regieren, andererseits es an Kritik und auch der Aufforderung dazu nicht fehlen lassen. Hören wir ihm noch ein wenig zu, ganz im Sinne vom Freiherrn von Moser:

Die Obrigkeit ist gar eine nöthige Ordnung und Stand in der Welt, und in Ehren zu halten, drum soll man Gott vor sie bitten, denn sie kann liederlich verderbt werden. Regenten werden gar bald und leichtlich zu Tyrannen. Denn wer ohne Gesetz regiert, und will stracks seinen Kopf haben, was er gedenket und vornimmt, das soll recht seyn, der ist eine Bestie, ärger denn ein unvernünftig wild Thier.“[16]

Das bleibt nicht ohne Folgen für die ganze Gesellschaft, so in der Auslegung zum Buch des Propheten Jesaja: „Das sind erschreckliche Bedrohungen, dass weder in der Polizey, noch im Priesterthum jemand sey, der nicht in Irrthümern und Lügen verwickelt sei. Eben so gehet es auch, wie wir sehen, heut zu Tage her. Denn der Herr hat ihnen eingeschenkt einen Geist des harten Schlafs, dass, man mag wider sie sagen, was man will, es gleich als zu Steinen und Holze gesagt wird. Die besten Bischöfe und Theologi unter ihnen sind in Irrthümern ersoffen. Diesen folgen hernach die Fürsten, der Adel und der Pöbel, und sie sind alle blind. Durch diese Stelle aber wird das Argument aufgelöset, darauf sie sich am meisten verlassen, wenn sie uns vorwerfen: Meynest du denn, dass so viel Päpste, Bischöfe und Fürsten irren, und dass du allein die Wahrheit wissest? Der Prophet antwortet: Ja, sie irren alle, weil Gott ihnen einen Schwindelgeist eingeschenkt hat. Denn er siehet nicht auf die Menge, oder auf die Stärke, oder auf die Weisheit der Menschen.“[17]

Und wenn es ums Geld geht:
Die Regel seiner Staatshaushaltung soll seyn: Mehr einnehmen als man ausgibt.
„Ein frommer gottesfürchtiger kluger Fürst ist eine große Gabe Gottes wie Herzog Friederich Churfürst zu Sachsen war, der war recht ein Vater des Vaterlands, hat wohl regiert, konnte die Keller und Boden füllen … Daher kam es auch daß er seinem Lande einen großen Schatz und Vorrath hinterließ, aber jetzt sind die Böden und Gruben ledig genug. Er hat eingesammelt mit Scheffeln und ausgeben mit Löffeln, ist genau gewesen und hat wohl hausgehalten aber jetzt geschiehet an Höfen das Gegentheil.“[18]

Wie soll man mit den Fehlern der Obrigkeit umgehen? Einerseits nachsichtig, aber gegebenenfalls auch hart:
„Auch gute Regenten thun Unrecht und bedürfen vor Gott Vergebung der Sünden. Man soll wissen, daß auch oft fromme Regenten sündigen. Denn ob es ihnen wohl am guten Willen nicht mangelt, so haben sie doch oftmals den Verstand nicht, wiewohl der Wille an vielen auch etwas schwach ist. Man soll sie aber doch gleichwohl in Ehren halten und Gebrechen dulden. An welchen aber ein verkehrter Wille gefunden wird, an selbigen soll man sie verdammen und sie mit geziemenden Worten darum strafen. T II Lips p 307“

Und wie sollen diejenigen, die die Macht haben, mit kritischen Menschen umgehen? Weil Martin Luther um keine Wasserwerfer oder Pfefferspray wusste, schlug er einen anderen Umgang vor und sagt über einen guten Herrscher:
Er liebt wahrhafte und freymüthige Männer.
„Es ist nichts löblichers und lieblichers an einem Fürsten, denn daß er frey redet, was seine Meinung sey, und hat die lieb, so desgleichen thun, sagen ungescheut, wies ihnen ums Herz ist, wie es die Zeit und Nothdurft erfordert.“[19]

Was soll ich euch sagen, mit auf den Weg geben? Ich könnte es nicht besser als Martin Luther, dem natürlich die immensen Kosten für Visagisten auch nicht entgangen waren:

Wo aber die Gerechtigkeit des Glaubens das Herz eingenommen hat, so wirket sie dieses, dass uns unsere Gerechtigkeit als ein Unflat anstinket, und das tut sie mit großer Gewissheit. Außer(halb) dieser Gerechtigkeit ist es unmöglich, dass man nicht sollte mit Aberglauben und falschem Gottesdienste eingenommen werden. Denn er hat einen großen Schein, welcher die Augen der Einfältigen verblendet: Da hingegen der wahre Glaube ohne einigen Schein einfältig einhergehet, indem er an Gott glaubet, und dem Nächsten dienet. Gleichwie wir an Christo sehen, der auf das einfältigste, ohne einzige Schminke, einherging, da doch in ihm der höchste Glaube und die höchste Liebe war.[20]

 


[1] Roland H. Bainton, Martin Luther, Berlin 1983, S. 155

[2] Christian Scriver „Seelenschatz“ Erster Theil, Erste Predigt, Magdeburg und Leipzig 1731

[3] Christian Scriver „Seelenschatz“ Erster Theil, Erste Predigt, Magdeburg und Leipzig 1731 S.1, §1

[4] Präambel des Grundgesetzes

[5] Friedrich Carl Freiherr von Moser, Doctor Luther’s Fürsten-Spiegel, 1783 Frankfurt am Main, Vorwort S. XVII

[6] Ebd. S. 3, Text stammt vermutlich aus der Auslegung zum 101. Psalm, weitgehend wörtlich zu finden in D. Martin Luthers sowol in Deutscher als Lateinischer Sprache verfertigte und aus der letztern in die erstere übersetzte Sämtliche Schriften. herausgegeben von Johann Georg Walch, Fünfter Theil, Halle und Magdeburg 1741, Sp. 1285, § 196

[7] Confessio Augustana 1530 Art. VII

[8] Paul Gerhard, Evangelisches Gesangbuch Nr. 112

[9] D. Martin Luthers sowol in Deutscher als Lateinischer Sprache verfertigte und aus der letztern in die erstere übersetzte Sämtliche Schriften. Sechster Theil“ Halle 1741, Spalte 579f. § 37

[10] Friedrich Carl Freiherr von Moser, Doctor Luther’s Fürsten-Spiegel, 1783 Frankfurt am Main, S. 134

[11] Vergleiche Art. 16 Confessio Augustana

[12] Friedrich Carl Freiherr von Moser, Doctor Luther’s Fürsten-Spiegel S. 134

[13] D. Martin Luther, Sechster Theil Sp. 584 § 47

[14] D. Martin Luther, Sechster Theil Sp. 584f. § 48

[15] Friedrich Carl Freiherr von Moser, Doctor Luther’s Fürsten-Spiegel, S. 10

[16] Ebd. S. 37

[17] D. Martin Luther, Sechster Theil Sp. 573 §§ 22-23

[18] Friedrich Carl Freiherr von Moser, Doctor Luther’s Fürsten-Spiegel, S. 31

[19] Ebd. S. 24

[20] D. Martin Luther, Sechster Theil Sp. 605f. § 36

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