Wenigstens haben wir das Wort Gottes. Von D. Martin Luther

Brief Luthers an Nikolaus von Amsdorf im Pestjahr 1527

An Nikolaus von Amsdorf in Magdeburg.

1. November 1527.

Gnade und Frieden! Wie es dem Herrn gefällt, so geschieht es, mein lieber Amsdorf, daß ich, der ich bisher alle anderen zu trösten hatte, nun selbst allen Trostes bedürftig bin.  (…)

In meinem Hause ist allmählich ein Hospital entstanden. Hanna, Augustins Frau, hat die Pest in sich gehabt, kommt aber wieder auf. Margarethe von Mochau hat uns durch ein verdächtiges Geschwür und andere Anzeichen Angst gemacht, obwohl auch sie wieder gesund wird. Ich fürchte sehr für meine Käthe, die der Niederkunft nahe ist, denn auch mein Söhnchen ist seit drei Tagen krank, ißt nichts und fühlt sich schlecht. Man sagt, es sei der Schmerz vom Zähnekriegen, aber man glaubt, daß beide in großer Gefahr sind. Denn des Kaplans Georg Frau, die selber unmittelbar vor ihrer Niederkunft steht, ist von der Pest ergriffen worden, und man versucht bereits, ob das Kind irgendwie gerettet werden kann; der Herr Jesus stehe ihr barmherzig bei. 

So sind äußerlich Kämpfe, innerlich Ängste (2.Kor.7,5), und sehr bittere; Christus sucht uns heim. Ein Trost bleibt, den wir dem wütenden Satan entgegensetzen: daß wir wenigstens das Wort Gottes haben, um die Seelen der Gläubigen zu retten, wenn er auch die Leiber verschlingt. Darum befiehl uns den Brüdern und Dir selbst, daß Ihr für uns betet, daß wir die Hand des Herrn tapfer ertragen und des Satans Macht und List besiegen, »es sei durch Tod oder durch Leben« (Phil.1,20) Amen. 

Wittenberg, am Tage Allerheiligen, im zehnten Jahr, nachdem der Ablaß zu Boden getreten ist, zu dessen Gedächtnis wir in dieser Stunde trinken, ganz und gar getröstet, 1527. 

Dein Martinus Luther.

(Insel-Lutherausgabe 1995, Frankfurt/M u. Leipzig, 95f)

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