Johann Gerhard Von der täglichen Betrachtung des Todes

Von der täglichen Betrachtung des Todes – Johann Gerhard (1582-1637).

Gerhard war einer der wichtigsten Vertreter der »Lutherischen Rechtgläubigkeit«, war Schüler des Erweckungstheologen Johann Arndt. Auch er selbst wirkte weitreichend durch eigene Erbauungsliteratur; so auch durch seine Meditationes sacrae ad veram pietatem excitandam, die1606 erschienen. Sein Einfluss auf Johann Sebastian Bach ist erheblich.

Es ging ihm nicht um bloß kluge Sprüche, sondern um eine Lebenspraxis, die er seinen Gemeindegliedern auch selber vorlebte.

Inhaltlich fällt die Nähe zu dem vorreformatorischen Thomas a Kempis auf.

Wir können uns heute die Frage stellen, wie sich unsere öffentliche, kirchliche Haltung zu Corona ändern würde, würden wir täglich uns so orientieren, wie Gerhard es hier vorschlägt.

O gläubige Seele,

erwarte den Tod alle Stunden, weil er alle Stunden dir nachstellt. Wenn du am Morgen aufstehst, o Mensch, so denke, dass dies der letzte Tag deines Lebens sein werde. Wenn du am Abend zu Bett gehen willst, so denke, dass dies deine letzte Stunde auf Erden sein werde.

Was du auch tust, was du auch vornimmst, immer bedenke zuvor und überlege bei dir, ob du so handeln würdest, wenn du in dieser Stunde sterben und vor Gottes Gericht treten müsstest. Meinst du, wenn du nicht an den Tod denkst, er werde ferne von dir bleiben? Und herbeigerufen werde er, wenn du an ihn denkst? Ob du an ihn denkst, oder nicht; ob du von ihm redest, oder nicht, er schwebt immer über deinem Haupte. Zum Darlehn ist dir das Leben gegeben, nicht zum Besitz: du bist in’s Leben gekommen unter der Bedingung, dass du aus demselben scheidest; nackt bist du gekommen, nackt wirst du scheiden (Hiob 1,21). Das Leben ist eine Wanderung: wenn du lange gewandert sein wirst, musst du zurückkehren. Ein Einwohner und Mietmann bist du in der Welt, nicht aber ein beständiger Herr: in jeder Stunde bedenke, wohin du in der Minute eilst. Darin täuschen wir uns, dass wir mit dem letzten Odemzuge des Lebens zu sterben meinen: alle Tage, alle Stunden, alle Augenblicke sterben wir! Was zum Leben kommt, geht vom Leben ab; was zum Leben hinzugefügt wird, das wird sofort vom Leben abgezogen: nicht plötzlich geraten wir in den Tod, sonder nach und nach schreiten wir zu ihm fort. Unser Leben hier ist eine Weg; täglich müssen wir etwa von ihm zurücklegen. Tod und Leben scheinen sehr fern von einander zu sein, und doch ist kein Ding dem anderen näher, als der Tod dem Leben. Dies schwindet immer, jener steht immer bevor. Wie denen, welche zu Schiffe reisen, oft ohne dass sie es merken und denken, so lange die Fahrt währt, das Ende der Reise kommt: so kommen wir dem Tode immer näher, was wir auch tun, sei es, dass wir essen, oder trinken oder schlafen. Viele haben das Leben beschlossen, während sie noch das Geräte und die Hilfsmittel zum Leben suchten.

Dem nahenden Tode geht keiner mit heitrer Miene entgegen, außer der sich lange auf ihn bereitet hat. Im Leben stirb dir täglich; so wirst du Im Tode Gott leben können. Ehe du stirbst, lass in dir die bösen Begierden sterben; in deinem Leben sterbe der der alte Adam, so wird im Tode Christus in dir leben. In deinem Leben verwese täglich der äußerliche Mensch, so wird im Tode der innerliche in dir verneuert werden. Der Tod versetzt aus der Zeit in die Ewigkeit, denn auf welchen Ort der Baum fällt, da wird er liegen – Prediger 11,3. Wie ernstlich ist darum an die Stunde des Todes zu denken! Die Zeit verrinnt und die unermesslichen Räume der Ewigkeit sind noch übrig. In der Zeit bereite dich darum zur Ewigkeit. Wer wir in Ewigkeit sein werden, selig oder verdammt, dass wird in der einen Todesstunde entschieden. Zu diesem einen Augenblicke wird die ewige Seligkeit entweder erlangt, oder verloren. Wie sorgsam, o liebe Seele, musst du dich darum auf diese Stunde bereiten? Du wirst leicht alles Weltliche verachten, wenn du bedenkst, dass du sterben wirst. Denke an die im Tode sich verdunkelnden Augen, und du wirst sie leicht von der Eitelkeit abwenden (Psalm 119,37); denke an die im Tode taub werdenden Ohren, und es wird dir leicht werden, sie gegen schändliche und schmutzige Reden zu verstopfen; denke an die im Tode taub werdenden Ohren, und es wird dir leicht werden, sie gegen schändliche und schmutzige Reden zu verstopfen; denke an die im Tode erstarrende Zungen, und du wirst sorgsamer Bedacht nehmen auf deine Rede. Der Schweiß und die Angst der Sterbenden schwebe dir vor Augen; so wirst du leicht die weltlichen Ergötzungen verachten. Die Nacktheit, der aus diesem Leben Scheidenden schwebe dir vor Augen, und es wird dir Armut in diesem Leben nicht beschwerlich sein. Siehe an den Jammer der Seele, die gezwungen ist, die Behausung des Leibes zu verlassen ,und du wirst dich leicht hüten vor der Schuld jeder Sünde. Denke an die Verwesung, die im Gefolge deines Todes ist, und du wirst leicht dein Fleisch, das sich brüstet, unter’ s Joch bringen. Bedenke, wie beraubt und entblößt von allen Geschöpfen du im Tode gelassen wirst, und du wirst leicht diene Liebe von jenen abwenden, und dem Schöpfer zuwenden können: bedenke, wie ängstlich der Tod nachsucht, damit du ja nicht etwas mit dir aus diesem Leben nimmst, und du wirst auch leicht allen Reichtum der Welt verachten. Wer in diesem Leben täglich dem Tode sich weiht durch Sünden, der geht durch den Tod zu den Martern des ewigen Todes über. Keiner gelangt zum ewigen Leben, der nicht hier anfängt in Christo zu leben. Damit du im Tode lebest, pflanze dich Christo durch den Glauben ein.

Der Tod sei dir immer ein Gedächtnis, weil du ihn immer zu erwarten hast. Wir tragen den Tod immer mit uns herum, weil wir immer die Sünde mit uns herumtragen, der Tod aber ist der Sünden Sold, der Tod aber ist der Sünden Sold (Röm 6,23). Wenn du der Bitterkeit des Todes zu entgehen wünschest, so halte Christi Wort (Joh 8,51). Der Glaube verbindet und einigt uns mit Christo: diese also in Christo sind, die sterben nicht, denn Chirstus ist ihr Leben. wer Gott durch den glauben anhanget, der ist ein Geist mit ihm (1 Kor 6,17), und daher stirbt der Gläubige in Ewigkeit nicht , weil Gott sein Leben ist.

Das Volk Israel gelangt durch das rote Meer zu dem Lande der Verheißung, Pharao aber und sein Heer kommt in demselben um (2 Mos 14): so ist der Tod der Frommen ihnen selbst der Anfang und die Pforte zum Paradiese; der Tod der Gottlosen aber ist nicht das Ende der Übel, sondern das Bindemittel der vorhergehenden und  der folgenden; die gelangen von dem ersten zum andern Gotte (Offenbarung 17,14). So innig ist die Einigung Christi und der Gläubigen, dass sie durch den Tod nicht aufgelöst werden kann (Röm 8,38.39); selbst in der dicksten Finsternis des Todes leuchtet ihnen voran das Licht der göttlichen Gnade; auf der gefahrvollen Reise des Todes  sorgt Christus für seine Geliebten durch den Schutz der Engel. Die Leiber der Heiligen sind Tempel des heiligen Geistes 1 Kor 6,19; der heilige Geist wird nicht zugeben, dass seine Tempel durch den Tod ganz zerstört werden. dAs Wort Gottes ist ein unvergänglicher Same (1 Petr. 1,23); Wort Gottes ist ein unvergänglicher Same (1 Petr 1,23); dasselbe wird durch den Tod nicht geitilgt, sondern verborgen in der Herzen der Frommen, und wird diese zu seiner Zeit lebendig machen.

Aus: Heilige Betrachtungen von Johann Gerhard. Aus dem Lateinischen übersetzt und der evangelischen Christenheit zur Erbauung geboten von M. Franz Julius Bernhard, Leipzig 1858, S. 176- 179.

Das Original »Meditationes sacrae ad veram pietatem excitandam« war schon 1606 erschienen.

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