Gebet zum Ewigkeitssonntag – Johann Arndt

Johann Arndt (*1655 in Ballenstedt; + 1621 in Celle), Generalsuperintendent des Fürstentums Lüneburg, war – neben dem Landesherrn als offiziellem Kirchenoberhaupt – so etwas wie der »Landesbischof« in diesem Teil Niedersachsens. Arndt steht für eine geistliche Belebung des evangelischen Kirchentums. Von Gegnern als »Mystizist« bezeichnet, war er im Luthertum und im späteren Pietismus sowie in manchen späteren geistlichen Aufbrüchen wirksam durch seine »Bücher vom wahren Christsein« und sein Gebetbuch »Paradiesgärtlein«. Diese zwischen 1605 und 1620 erschienen Schriften boten in der Folgezeit – z.B. in der trostbedürftigen Epoche des 30jährigen Krieges und dem daraufhin über Jahrzehnte bestehenden Elend  – vielen Menschen Anhalt, Stärkung und Ermutigung.

Beeindruckend ist die tiefe Durchdringung geistlicher Themen der Bibel und der Kirchenväter und ihre Anwendung auf das Christenleben. Die emotionalen Affekte des Herzens werden angesprochen, so dass ein »Hineinbeten« in den Glauben mit Arndt mit Sicherheit antidepressive Wirkungen hat. Das gilt auch, wenn nicht alle Elemente seiner Theologie heute als „allgemein anschlussfähig“ gelten.

Das hier abgedruckte Gebet gegen die Furcht vor dem Jüngsten Tag ist passend zum Ewigkeitssonntag. Nicht Angst, Trauer und Depression, sondern Vorfreude auf das, was kommt, prägt die Sicht der Dinge. Im Gebet reißt Arndt die betende Seele empor zu himmlischer Erwartung: Hilfreich in Zeiten von Not, Angst und Bedrängung.

Das 30. Gebet: Wider die Furcht des Jüngsten Tages

Ach mein Herr Jesu Christe, du wahrhaftiger Prophet! Du hast uns das Ende der Welt verkündiget, die Zeichen geoffenbaret und wie wir uns dazu bereiten sollen, gelehret. Ach mein König und Herr, laß mich alle Tage auf deine Zukunft mit Freuden warten; denn du wirst plötzlich kommen, wie ein Blitz, und unversehens, wie ein Dieb in der Nacht. Und in deiner Zukunft werden die Himmel zergehen mit großem Krachen und die Elemente vor Hitze zerschmelzen. Wir warten aber eines neuen Himmels und einer neuen Erde, darin Gerechtigkeit wohnen wird. Ach mein Herr und Gott, es wohnet wahrhaftig in dieser Erde der Fluch und alles Elend und Jammer; mache es einmal mit dieser Welt ein Ende, und mache uns des neuen Himmels Einwohner und der neuen Erde Besitzer, darin keine Sünde und Tod mehr sein wird. Laß uns demnach nicht erschrecken vor den Zeichen des jüngsten Tages, so mit Haufen hereindringen, sondern richte unsere Häupter auf mit deinem Trost und lebendiger Hoffnung. Denn wir sind ja durch deine Auferstehung und Himmelfahrt neu geboren zu einer lebendigen Hoffnung, zu einem unbefleckten, unverwelklichen und unverweslichen Erbe, das uns im neuen Himmel ist aufgehoben, die durch deine Macht bewahret werden zur Seligkeit. Ach wer sollte sich nicht freuen des neuen schönen Erbes? Wir sind ja nicht zu dieser elenden Welt erkauft, die Erlösung ist ewig, es muß ein ewiges Erbe und eine ewige Wohnung sein, dazu wir so teuer erkauft sind. Ach laß uns, als die Kinder des ewigen Lichts und des unvergänglichen Erbes, dir mit Freuden entgegenlaufen und sagen: Der Vater kommt und will uns heimholen ins rechte ewige Erbe, in unsers himmlischen Vaters Haus, da uns die Stätte bereitet ist. Laß uns dir, o Herr Jesu, unserem schönen Bräutigam entgegengehen, als die klugen Jungfrauen, mit geschmückten Lampen; als die Knechte, die auf ihren Herrn warten, wenn Er aufbrechen wird von der Hochzeit, und die Fackeln des Glaubens und der Hoffnung in unseren Händen haben, nüchtern sein, mäßig, emsig im Gebet, wachend in wahrer Buße, bereit diese arge, unreine Welt zu verlassen und ein besser Reich einzunehmen. O laß uns gern ausgehen aus diesem unsauberen Sodom, und laß uns nicht einmal zurücksehen, daß uns nicht gehe wie des Lots Weib, die zur Salzsäule ward, O laß uns fliegen als Adler zu dir, Herr Christe, der du unsere rechte Speise bist. Ach du liebliche Sommerzeit, willst du nicht bald anbrechen? Es ist lange Winter gewesen, und die Kälte dieser Welt hat uns beleidiget, nämlich der geistliche Frost des Unglaubens und der ganz erloschenen Liebe. Ach mein Herr, du bist der Anfänger und Vollender des Glaubens, stärke meinen Glauben. Denn du hast gesagt: Wenn des Menschen Sohn kommen wird, meinest du auch, daß Er werde Glauben finden auf Erden? Komm, o Herr, Glaube und Liebe ist erloschen, der Winter hat zu lange gewähret; und wenn du die Tage nicht wirst verkürzen, so wird kein Mensch selig. Ach die schöne Ernte der Auferstehung der Gerechten, welche schöne Garben wirst du hervorbringen? Die mit Tränen gesäet haben, werden mit Freuden ernten. Sie haben den edlen Tränensamen getragen; darum bringen sie nun ihre Garben mit Freuden. Ach laß deine Schnitter, deine heiligen Engel, deinen Weizen in deine Scheune sammeln . Ach mein Herr und Gott, laß mich auch mit gesammelt und in ein Bündlein des Lebens eingebunden werden. Hilf mir, daß ich dich mit Freuden sehe kommen in den Wolken, als auf einem schönen Wagen, und um dich her das herrliche Geleite der himmlischen Heerscharen. Das Anschauen deines freundlichen Angesichts wird den Gläubige n alle Furcht benehmen. Du wirst uns in einem Augenblick verwandeln aus der Sterblichkeit in die Unsterblichkeit, aus der Schwachheit in Kraft, aus irdischen natürlich en Leibern in himmlische geistliche Körper, daß uns kein Feuer noch Wasser, noch kein Element wird schaden können. Und ob gleich Himmel und Erde im Feuer vergehen werden, so werden wir doch hindurch fahren, als wir jetzo durch die Luft gehen; denn den verklärten Leibern kann nichts schaden, noch dieselben hindern. Du wirst mich auch, dein armes Kind, an jenem Tage nicht richten. Denn wer an den Sohn Gottes glaubet, der hat das ewige Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern ist vom Tode zum Leben hindurch gedrungen. Du hast uns ja dein gnädiges Urteil und deinen freundlichen Ausspruch geoffenbaret: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbet das Reich, welches euch von Anbeginn bereitet ist. O ein gnädiges, freundliches, trostreiches Wort! Hilf, o gnädiger , barmherziger Herr, daß ich mit allen Auserwählten dasselbe mit Freuden und Jauchzen anhören und mit dir in deine Herrlichkeit eingehen möge. Amen.

aus: Johann Arnd’s Sechs Bücher vom wahren Christentum nebst dessen Paradiesgärtlein. Nachdruck, Bielefeld 1996, 1020-1022.

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