Ehemaliger Benediktinermönch über die Berliner Großdemonstration vom 1. August

In einem Leserbrief für die Zeitschrift „Christ in der Gegenwart“ (Herderverlag) beschreibt der ehemalige Benediktinermönch Rainer Krause seine Eindrücke von der Veranstaltung. Der Leserbrief stammt aus Anfang September, als die Erkältungs- und Erkrankungswelle von Herbst und Winter noch nicht bestand.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich habe Ihre Artikel bislang mit großem Gewinn gelesen und den Anspruch gespürt, als Christ in der Gegenwart kritisch den Zeitgeist und die (Herrschafts-) Strukturen in Kirche und Politik zu hinterfragen.

Aber Ihre Kommentare zu den Protesten über die Verhältnismäßigkeit der politischen (Zwangs-) Maßnahmen im Zusammenhang mit der Corona-Situation, der Einschränkung bürgerlicher Freiheiten, des Lockdown mit seinen wirtschaftlichen Auswirkungen und dem menschlichen Leid, das er hervorgerufen hat, das hat mich tief erschüttert. Waren von Ihnen Journalisten vor Ort? Dort waren jedenfalls viele, viele Christen! Und es wurde gebetet, vielleicht intensiver und ehrlicher als in den Kirchen. Haben Sie sich die Nöte der Menschen angehört? Es waren Seelsorger vor Ort, die über die Situation in vielen Landgemeinden berichtet haben und ein trauriges und erschreckendes Bild von der Not der Menschen gezeichnet haben. Diese Zehntausende Menschen – um nur einmal bei den veröffentlichten Zahlen zu bleiben – über einen Kamm zu scheren und als Unbelehrbare zu bezeichnen, die sich der Aufklärung verweigern (CiG 32) ist schon sehr über das Ziel hinausgeschossen und hält keiner ernstzunehmenden Recherche stand. Ein einziger Blick auf die Zahlen des Robert-Koch-Institutes, die täglich im Internet veröffentlicht werden, und die Fähigkeit, sie zu interpretieren, hätte jeden Laien erkennen lassen können, daß das Pandemiegeschehen spätestens seit Mitte April vorbei ist. In den Sentinelpraxen des RKI, die bei akuter Erkrankung der Atemwege seit Februar auch auf das Vorhandensein von SARS-CoV-2-Erregern testen, hat es seit der ersten Aprilwoche keinen Nachweis mehr über dieses Virus gegeben (ebenfalls zu lesen auf der Seite des RKI).

Dagegen wurden die PCR-Tests seit Mitte Juni um 75% erhöht. Die Fallzahlen, die dort entdeckt werden, liegen trotzdem unterhalb der Fehlertoleranz von 1%, wenn sie auf die Testmenge bezogen werden. Es handelt sich nicht um Infizierte, sondern der Test kann lediglich ein Segment des RNA- Stranges finden, das vermutlich dem SARS-CoV-2-Erreger zuzurechnen ist. Von Erkrankten und Infizierten bei positiv Getesteten zu sprechen, wie das in den meisten Medien geschieht, ist nicht zulässig. Warum wird denn in den öffentlich-rechtlichen Medien nur die Zahl der positiv Getesteten berichtet, ohne die Zahl der durchgeführten Tests zu nennen? Das ist nicht seriös. Je mehr ich teste, desto mehr finde ich, und am Ende finde ich nur noch falsch positive Ergebnisse, wenn die Epidemie am Ausklingen ist (so auch von Gesundheitsminister Spahn selbst dargestellt).

In der neuesten Ausgabe der CiG (Nr. 36) davon zu sprechen, daß es wenig Mut erfordert, auf Berlins Straßen die Existenz des Corona-Virus zu leugnen, zeugt wiederum davon, daß Sie nicht vor Ort gewesen sein können. Keiner der hier aus ganz Deutschland angereisten besorgten Mitbürger aus der Mitte der Gesellschaft hat die Existenz des Corona-Virus geleugnet, sondern die Menschen haben ihrer Sorge um die Verhältnismäßigkeit der getroffenen Maßnahmen Ausdruck geben wollen. Längst geht es bei der ganzen Auseinandersetzung auch nicht mehr um Masken, sondern um die Lügen, die einen immer tieferen Keil zwischen Bürger und Eliten treiben. Und Mut gehörte schon dazu, auf die Straße zu gehen und sein Recht auf Versammlungs- und Meinungsfreiheit wahrzunehmen, gegenüber einer starken Polizeipräsenz in Kampfausrüstung und mit Wasserwerfern. Aus unzähligen Videomitschnitten im Internet ist wahrzunehmen, wie brutal die Polizei z.T. gegen völlig friedfertige und wehrlose Demonstranten vorgegangen ist, um Abschreckung zu signalisieren. Daß die Hauptmedien dann noch ihren Focus hauptsächlich auf eine kleine Randgruppe von Reichsbürgern vor dem Reichstagsgebäude richtete, die mit der Veranstaltung von Querdenken überhaupt nichts zu tun hatte, sondern eine eigene angemeldete und genehmigte Veranstaltung hatte, daß von den Rednern bei Querdenken – es sprach u.a. Robert F. Kennedy – und deren Inhalten in den Hauptmedien nichts zu entdecken war, daß bestätigt am Ende das unschöne Gefühl, von den Etablierten belogen zu werden.

Als Christ habe ich da zu stehen, wo Menschen in Sorge und Angst sind: in Sorge um ihre Existenz, in Sorge um ihre Freiheit, in Sorge um Einschränkung ihrer Grundrechte, sich zu versammeln, ihre Meinung zu äußern und ihren Beruf auszuüben. Wohin führt am Ende eine immer weiter gehende Einschränkung der im Grundgesetz garantierten – nicht bloß von oben gewährten – Grundrechte?

Die Menschen haben Angst, daß über sie verfügt wird, daß sie in weitreichende, ihr Leben betreffende Entscheidungsprozesse nicht einbezogen werden, daß sie mit einer Impfpflicht womöglich diszipliniert und zur Botmäßigkeit gezwungen werden sollen.

Ich denke, man muß nicht in allen Dingen einer Meinung sein. Aber in einer christlichen Zeitung besorgte Menschen so zu verunglimpfen und ohne zu differenzieren pauschal in eine Schmuddelecke zu stellen, das ist eine sehr schmerzliche Erfahrung.

Das haben mündige Bürger nicht verdient! Nach Martin Buber gehört die dialogische Existenz zum Wesen unseres Menschseins. Nur im Hören aufeinander, im Bedenken der eigenen und anderen Argumente wird es möglich, sich eine eigene Meinung zu bilden. Darum bitte ich Sie, bei Ihren nächsten politischen Artikeln ein höheres Maß an Ausgewogenheit, an Empathie und Meinungsvielfalt zuzulassen.

Rainer Krause, Berlin 04.09.2020

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