„Die Kirche muss jetzt nah bei den Menschen sein“ – Pfarrer Dietz (Uckermark) im Osterinterview bei CICERO

Thomas Dietz gehört zu den Pfarrern, die es fertigbringen, Gemeinde zu halten und zu bauen unter absolut widrigen Bedingungen.

Zu Ostern hat ihn das CICERO-Magazin interviewt.

Auszüge:

Thomas Dietz wuchs in Berlin-Pankow auf. Nach einem Studium der Theologie und zwei Jahren als Vikar wurde er Pfarrer im Evangelischen Pfarramt Schönfeld. Der Pfarrsprengel in der Uckermark setzt sich heute aus acht Kirchengemeinden zusammen.

„Wir leben hier in einer der dünn besiedelten Regionen Deutschlands. Zu meinem Pfarrbereich gehören elf Dörfer, allesamt sehr klein, zwischen 50 bis 600 Einwohner. Seit dem ersten Lockdown im Frühling des letzten Jahres versuchen wir, drei Gottesdienste pro Wochenende anzubieten. Seit Corona sind die sogar stärker besucht als sonst.“ ….

„Für mich sind Gottesdienste und das kirchliche Leben als Ganzes kein Privileg, sondern Auftrag. Die Mütter und Väter des Grundgesetzes haben sich etwas dabei gedacht, als sie der Kirche gewisse Sonderstellungen zubilligten. Gerade in seelischen Notlagen wie jetzt ist die direkte Seelsorge ungemein wichtig. Und gerade heute hat Kirche nah bei den Menschen zu sein.“ ….

„Manche machen die Tür nur noch einen Spalt weit auf, weil sie Angst davor haben, todkrank zu werden. Aber dann stehen sie eine Stunde lang im Türspalt, weil sie eigentlich ein unstillbares Bedürfnis nach Begegnung haben. Viele leiden an Einsamkeit. Das ist wirklich erschreckend.“ …

„Ich habe Menschen beerdigen müssen, bei denen ich sagen würde, dass sie an Einsamkeit gestorben sind. Die sind regelrecht zu Tode verkümmert. Das ist natürlich ein Extrem, aber es kommt vor.“ …

„Ich kannte einen Mann, der war 92 Jahre alt. In den vergangenen Jahren wollte er mehrmals sterben. Nur die menschlichen Beziehungen schenkten ihm immer wieder neue Lebensfreude. Und dann hat dieser Mann Corona bekommen. Ein Arzt wollte ihn ins Krankenhaus einweisen, doch er wollte zuhause bleiben. Dort ist er schließlich friedlich eingeschlafen im Beisein seiner Enkeltochter und des Pflegedienstes. Hätte man da nicht eigentlich Grund, froh und dankbar zu sein? In der Traueranzeige aber hieß es: „Plötzlich und unerwartet verstarb mit 92 Jahren an Corona …“ Das ist doch verrückt. Wo ist denn da noch ein Gedanke an menschliche Würde? Es herrscht überall nur noch Angst.“ …

„Ich denke, dass es ganz wichtig ist, den Menschen im Glauben Halt zu geben, damit sie sich vom Trommelfeuer der Nachrichten nicht irre machen lassen. Wenn mir das in meinen Gottesdiensten und bei meinen Hausbesuchen auch nur ein bisschen gelingt, dann kann ich doch wirklich dankbar sein. Für viele aus der Gemeinde ist die Kirche immer ein Rückhalt gewesen. Und gerade von diesen Menschen höre ich nun vermehrt, dass ihnen von der Institution Kirche eine klarere Aussage fehlt – gerade etwa was die Situation der Kinder und Jugendlichen in der Krise angeht.“ …

„Es geht zum Teil um eine bewusst geschürte Panik. Es geht um Kinder, denen man erzählt hat, dass sie unter Umständen Schuld an den Erkrankungen oder gar am Tod ihrer Eltern und Großeltern sein könnten. Und das ist keine nüchterne Theorie. Mir hat eine Frau erzählt, ihr Enkel habe sie angerufen und gesagt: „Oma, ich darf dich nicht besuchen, sonst bin ich schuld, wenn Du stirbst.“ Da müsste Kirche aufstehen und sagen: Das geht nicht! So können wir mit den Menschen nicht umgehen!“

 

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