Vorstandsbericht Thüringer Pfarrerverein vom September 2021

Thüringer Pfarrverein e.V. – Jahresbericht des Vorsitzenden 14. September 2021

  1. Mache dich, mein Geist, bereit,

wache, fleh und bete,

damit nicht die böse Zeit

unverhofft eintrete;

denn es ist Satans List

über viele Frommen

zur Versuchung kommen.

  1. Aber wache erst recht auf

von dem Sündenschlafe;

denn es folget sonst darauf

eine lange Strafe,

und die Not samt dem Tod

möchte dich in Sünden

unvermutet finden.

 

Johann Burchard Freystein 1695

Liebe Vereinsmitglieder,

darf man, darf ich ein solches Lied heute zitieren, ohne dass jemand gekränkt reagiert, weil er sich angegriffen fühlt? Dabei geht es ja vielleicht gar nicht darum, jemanden anzugreifen, also wie im Krieg persönlich zu verletzen oder zu vernichten. Es geht darum, die Wahrheit zu ergründen, ihr in der Auseinandersetzung der Meinungen zumindest möglichst nahe zu kommen.

Gefühle sind ja inzwischen in der Auseinandersetzung ganz wichtig geworden, so sehr, dass sie hin und wieder bereits in der Lage sind, über Argumente den Sieg davon zu tragen, sogar nahezu unabhängig von der Qualität der Argumente: Gefühl schlägt Argument.

So ein Lied zu zitieren, könnte heute schon gefährlich werden, weil damit die Gegenwart interpretiert wird. Darf ich die Worte der Vorfahren in den Mund nehmen, einfach so, ein Lied zitieren, in dem gesagt wird, es sei eine „böse Zeit“, das Geschehen obendrein als „Satans List“ bezeichnet wird, unser Verhalten als Reaktion auf eine Versuchung gesehen wird. Das bedeutet ja, man hat ihr zu widerstehen vermocht – oder eben nicht. Wurden wir angesichts von Not und Tod unvermutet in Sünden vorgefunden, was ja nicht zuerst heißen muss, dass wir etwas Böses getan haben, sondern eher die eine Frage ist, wem wir vertraut haben, Gott und seinen Verheißungen oder Menschen und ihren Versprechungen? Läuft bei uns der Glaube nur so nebenher oder ist er tatsächlich noch das relevante Kriterium des Alltags? Kurz: befinden wir uns im Sündenschlafe, weil wir Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, weder vertrauen, noch ihn um Rat ersuchen?

Und wie schnell gerät man mit solch kritischer Nachfrage in irgendeine Ecke, wird geframt, wie das heute so schön heißt. Das ist wie zu Zeiten der schwarzen Pädagogik: Der Lehrer erzählt den anderen Kindern, was der böse (meist) Junge gemacht hat, der sich ohne widersprechen oder etwas erklären zu dürfen das anzuhören hat. Dann wird er in die Ecke gestellt, Gesicht zur Wand, und keiner redet mehr mit ihm, auch nach der Aktion erst mal nicht, denn da dazuzugehören ist gefährlich. Er wird sich überlegen, ob er das nächste Mal die Zähne zusammenbeißt und vor allem die Lippen zusammenkneift. Die anderen werden sich überlegen, ob er bei der nächsten Wahl der Freunde eine Chance hat.

 

Da ich der Bibel vertraue, meinte ich, könnten wir also mal die Vorfahren befragen, was sie gedacht haben. Meine Frau Christine machte mich auf das Lied von Johann Freystein aufmerksam. Der war ja ein kluger Kopf, 1671 in Weißenfels geboren, studierte er in Leipzig Rechtswissenschaften, Mathematik, Philosophie und Architektur. 1695 wurde er in Jena zum Dr. der Rechtswissenschaften promoviert. Er hatte eine eigene Kanzlei in Dresden. 1703 wurde er Rat in Gotha, im Jahre 1709 kehrte er als Hof- und Justizrat nach Dresden zurück, wo er 1718, also 47-jährig starb. Wenn ich mich richtig erinnere, grassierte damals noch eine Massenpsychose, der Hexenwahn. Sowas kommt ja immer mal wieder vor.

Vor einiger Zeit habe ich mal allen haushalterischen Zweifeln zum Trotz ein Gesangbuch für sage und schreibe 250 € gekauft. Nun, es war kein gewöhnliches, sondern das von Johann Anasthasius von Freylinghausen, 1741 in Halle gedruckt. Es enthält alle damals bekannten geistlichen Lieder, ungekürzt samt dazugehöriger Melodien. In geistlicher Hinsicht ist es also von unschätzbarem Wert. Darin findet sich oben zitiertes Lied auch, allerdings noch mit zehn Strophen statt der heute noch bekannten sechs. Vier Strophen stehen nicht mehr im Gesangbuch, also man kann sie als Normalchrist gar nicht mehr zur Kenntnis nehmen oder womöglich zitieren. Das Singen war und ist ohnehin nur eingeschränkt möglich. Wahrscheinlich waren sie für ein neues Gesangbuch einfach zu alt, unzeitgemäß, unverständlich oder irgend sowas. Wir denken ja immer, wir seien klüger als unsere Vorfahren, was womöglich ein Überbleibsel der darwinistischen und marxistischen Idee einer ständigen Höherentwicklung ist, mit der wir jahrzehntelang berieselt wurden. Vielleicht ist es auch nur eine banale Regung des Fleisches, dessen List es ist, sich in Hoffart zu schmeicheln. Das sagt Johann Freystein in der 6. Strophe. Doch dazu später. Ehe wir dem Gedanken, wir wüssten oder könnten es besser als die Alten, weiter nachgehen, könnten wir uns ein wenig von der Bibel ablenken, also von diesem Weg weglenken lassen, sagt doch der Prediger Salomo: „Was geschehen ist, eben das wird hernach sein. Was man getan hat, eben das tut man hernach wieder, und es geschieht nichts Neues unter der Sonne. Geschieht etwas, von dem man sagen könnte: »Sieh, das ist neu«? Es ist längst vorher auch geschehen in den Zeiten, die vor uns gewesen sind.“ (Pred 1,9-10)

 

Als Johann Anasthasius von Freylinghausen das Lied dichtete, war erst 24 Jahre alt. Nehmen wir dem jungen Mann also mal den Maulkorb ab und lassen ihn mit den lange verschwiegenen Strophen noch einmal zu Wort kommen. Vielleicht bringt es ja was.

 

 

  1. Wache auf! sonst kann dich nicht

unser Herr erleuchten;

wache! sonsten wird dein Licht

dir noch ferne deuchten;

denn Gott will für die Füll

seiner Gnadengaben

offne Augen haben.

 

  1. Wache, dass dich Satans List

nicht im Schlaf antreffe;

weil er sonst behende ist,

dass er dich beäffe;

und Gott gibt, die er liebt,

oft in seine Strafen,

wann sie sicher schlafen

 

Zuerst stolpern die Gedanken ein wenig über „wird dein Licht dir noch ferne deuchten“ und man fragt, was er damit meint. Es ist nicht so, dass er unseren Verstand im Blick hat, dessen Licht uns noch weit weg erscheint. Das gibt es zwar auch. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass er mit dem Erleuchten, das vom Herrn kommt, den Jüngsten Tag, also unsere Auferstehung beschreibt. Dann ist auch sofort klar, warum manchem deucht, das sei noch weit weg. Die Versuchung unserer Tage ist nun mal, dass man einerseits diesen Tag immer weiter wegzuschieben versucht, ja überhaupt vorgibt, das mit diversen Mitteln auch zu können, vor allem aber mittels einer medialen Angstmaschinerie ohnegleichen, einem Nachrichtensperrfeuer suggeriert, man müsse das tun, es gar zum Gebot der Nächstenliebe hochstilisiert. Da ist der Schritt zum Impfzentrum in der Kirche nicht mehr weit. Ich bin allerdings überzeugt, dass es beim Durchschnittsalter aus Psalm 90,10 bleiben wird, selbst die Reichsten nicht umhin kommen, sich über die Sterblichkeit belehren lassen zu müssen (Ps. 90,12). Und obwohl die Internet- und Pharmagiganten überzeugt sind, ihnen könne nichts verwehrt werden von dem, was sie sich vorgenommen haben (Gen. 11,6), wird sogar der teuerste Turmbau aller Zeiten kurz vor dem Himmel unvollendet stehen bleiben. Für letzteres sind die Zeichen eindeutig: Die Sprache ist verwirrt, das Sprachzentrum und umliegende Regionen auch.

 

Was ist aber, wenn das doch „nur“ eine List des Satans ist, die die Kirche Ostern 2020 in einen nie dagewesenen Schlaf versetzt hat, der in einen fortlaufenden Dämmerzustand mündete, der uns die Augen verkleben soll „für die Füll seiner Gnadengaben“. Stimmt es womöglich, dass Satan die Kirchen bei überschießenden Aktivitäten aller Art dennoch in geistlichem Tiefschlaf angetroffen hat? Wie anders ist zu erklären, in welcher Geschwindigkeit, also wie behende, 75% der Sitzplätze in den Kirchen (nur in jeder zweite Reihe jeder zweite Platz darf noch genutzt werden) für Gottesdienstbesucher gesperrt wurden, das Singen aufgegeben wurde, das Lob Gottes in Chören an Bedingungen geknüpft wird usw.. Im Grimmschen Wörterbuch[1] wird „behende“ mit „geschwind, eilends“, aber auch „schlau“ erklärt. Das gibt noch genug Stoff zum Weiterdenken, wenn man die gegenwärtige Nutzung „der Wissenschaft“ betrachtet. Als ich dann in der vierten Strophe zum ersten Mal las: „dass er dich beäffe“, musste ich sofort daran denken, wie von nicht wenigen kirchlichen Stellen einfach alles nachgeäfft wird, was gegenwärtig gängige Rede ist. Die vierte Welle kommt, sagt der Krisenstab. Am wirksamsten helfen FFP2-Masken. Staubschutzmasken gegen Viren? Echt, die helfen wirklich? Für das Lob Gottes im Gottesdienst lässt sich die Gemeinde das Maul verbinden, noch schlimmer, sie tut es freiwillig selber. Gilt noch „ein frei Geständnis in dieser unsrer Zeit, ein offenes Bekenntnis bei allem Widerstreit?

Höre ich da etwas beim Anblick der verbunden Gesichter, dem gedämpften Bekenntnis und Gesang, dem akribisch ausgemessenen Abstand zum Nächsten? Hatte das ganz früher mal etwas mit Nähe zu tun? Das müssten wir mal googeln.

„Beäffen“, was ist das eigentlich? Es bedeutet, jemanden in die Irre führen, durch Äfferei betrügen, aber auch sich lustig machen. Höre ich da etwas beim Anblick der Gemeinde, die aus purer Todesangst (oder weil sie gegen CA 16 verstoßend den Menschen mehr gehorcht als Gott?) anstelle des Reiches Gottes die Abstinenz vom Mahl des Herrn predigt, praktiziert? Sind es akustische Halluzinationen in meinen Ohren? Die kommen am häufigsten vor, habe ich gelesen. Oder ist es wirklich der Teufel, der da schallend lacht wie auf der Schallplatte „Vom Himmel hoch“ von Ludwig Hirsch, weil er die Menschen so behende und erfolgreich beäfft hat?

 

 

  1. Wache, dass dich nicht die Welt

durch Gewalt bezwinge,

oder, wenn sie sich verstellt,

wieder an sich bringe.

Wach und sieh, damit nie

viel von falschen Brüdern

unter deinen Gliedern.

  1. Wache dazu auch für dich,

für dein Fleisch und Herze,

damit es nicht lüderlich

Gottes Gnad verscherze;

Denn es ist voller List,

und kann sich bald heucheln,

und in Hoffart schmeicheln.

 

 

Die Welt verstellt sich. Alles geschieht nur in bester Absicht. Ist jemand nicht willig, braucht sie Gewalt. Hatten wir das noch auf dem Schirm? Die Welt will uns an sich bringen, so eine Art Kundenbindung mit einem betrügerischen Abo? Halten wir unlautere Absichten für so realistisch, dass unsere Alarmglocken noch schrillen oder sind sie längst abgebaut so wie viele Sirenen in Deutschland.

Sechste Strophe: „lüderlich“, na, das möchte man doch gleich in „liederlich“ korrigieren, korrekt nach Duden. Langsam! Singt da jemand ein Lied, schlecht intoniert? Eher nicht. Lüderlich, darin steckt doch das Wort „Luder“. Und das kommt aus dem Lateinischen, von „ludere“: spielen. Da spielt jemand und dann sieht es aus wie im Kinderzimmer. Noch mehr steckt in diesem alten Wort. Es bedeutet auch „etwas verspielen“ oder „ein böses Spiel treiben“. Trifft das womöglich auf unsere theologische Arbeit zu? Total verspielt und so sieht sie aus, unsere theologische Kompetenz? Überprüfen wir noch an den Bekenntnisschriften, was wir sagen und tun? CA 16: „Deshalb sind es die Christen schuldig, der Obrigkeit untertan und ihren Geboten und Gesetzen gehorsam zu sein in allem, was ohne Sünde geschehen kann. Wenn aber der Obrigkeit Gebot ohne Sünde nicht befolgt werden kann, soll man Gott mehr gehorchen als den Menschen.

 

Sehr interessant finde ich eine Vokabel, die in den letzten Monaten Einzug in die alltägliche Sprache gefunden hat: das Narrativ. Es gibt schon das staatliche Narrativ, auch das politische. Und es wird verteidigt mit den Mitteln, die eben einem Staat so zur Verfügung stehen, falls jemand sich erdreistet, dasselbe infrage stellen. Auf der Internetseite des Bundesamtes für Verfassungsschutz findet sich dazu der Eintrag: „Neuer Phänomenbereich ‚Verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates‘“. Dort kann man dann den Deckel des Topfes anheben, um zusammengerührt den Brei der ganzen Phänomene von Querdenkern, Reichsbürgern, QAnon, Antisemitismus usw. zu finden, die staatliche Einrichtungen und Regierende angreifen würden. Eines verbindet dabei die ganze Gesellschaft miteinander, ja kettet sie geradezu aneinander: die Maßnahmen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie. Da ist die Katze aus dem Sack.

 

Narrativ ist eine eigentlich alte Vokabel und wird nun ganz oft verwendet, ganz ungeniert auch im Zusammenhang wichtiger Entscheidungen. Dabei kommt sie aus dem Lateinischen von „narrare“, was nichts anderes bedeutet als „erzählen“. Narrative sind also Erzählungen, wobei „Erzählung“ eigentlich eine ziemlich unpoetische Ableitung von „zählen“ ist. Früher sagte man, das sei eine Geschichte oder noch früher eine Mär für die abendliche Unterhaltung bei Kerzenschein, um sie, wenn sie kurz und kurzweilig genug war, als Märchen zu bezeichnen. Über den Unterschied von Unterhaltungswert und Wahrheitsgehalt war man sich damals stillschweigend weitgehend einig.

 

Deutlich zu spüren ist, wie der Zusammenhalt in der Gesellschaft erschwert wird und schwindet. Auch hier und heute können wir das beobachten. Die Zahl der Anmeldungen zu unserer Mitgliederversammlung nimmt unübersehbar ab. Vielleicht hat das ja sehr unterschiedliche und auch andere Ursachen, was wir diskutieren könnten. Egal, was dabei herauskommt, befürchte ich, eines würde sich bestätigen, nämlich die Abnahme der Einigkeit. Sicherlich schlägt sich das auch im Verständnis der gegenwärtigen Situation nieder.

 

Aufgabe der Kirche ist es, für Zusammenhalt zu sorgen, für Zusammenhalt im Sinne Jesu Christi. Das schließt die Auseinandersetzung, den Widerstreit über den richtigen Weg ein. Im Übrigen gilt das auch für ein Staatswesen. Wenn nur noch für den Schein des Zusammenhalts gesorgt wird, braucht es diejenigen, die ausgegrenzt werden. Das ist ein untrügerisches Indiz dafür, dass etwas falsch läuft, denn dann haben einige das Sagen, während die anderen um des Scheins willen zu schweigen haben oder zum Schweigen gebracht werden. Das kann man mit etwas Mut life auf der Straße erleben oder sich im Internet dazu informieren. Menschen, die sich über Impfungen umfassend informieren und deshalb abwarten möchten, werden erst zu Impfunwilligen und dann zu Bekloppten, so Joachim Gauck vor wenigen Tagen.

 

Nun habe ich mich ziemlich ausführlich mit einem Thema beschäftigt, welches uns alle zwar irgendwie tangiert, in der Satzung des Vereins aber nicht vorkommt. Möglicherweise gehen die Meinungen auseinander, ob und wie wir uns dazu stellen und äußern sollten. Die Zunahme psychischer Probleme bis hin zur Suizidgefährdung zeigt, wie die Seelen der Menschen angegriffen sind. Das kann uns nicht egal sein.

Christian Scriver schreibt gleich auf der ersten Seite des Seelenschatzes: „GOtt will dieselbe, so durch ihre Schuld verloren werden, von ihren Händen fordern. Darum sollen sie wachen über die Seelen, das ist, sie sollen ihr Amt ihnen höchstes Fleißes lassen angelegen sein, sollen sorgen, beten, bitten, flehen, ermahnen,warnen, lehren, trösten, dieser hochwichtigen Verrichtung obliegen und nachdenken Tag und Nacht, auch, so viel an ihnen ist , mit allem Ernst und Wachsamkeit verhüten, dass nicht eine ein(z)ige Seele verloren werde.“[2]

 

Es ist unsere Aufgabe, uns in der Gegenwart mit dieser Verantwortung auseinanderzusetzen. Es sind nicht nur irgendwelche ethischen Fragen zu beantworten oder nach solchen Grundsätzen das Verhalten und die Rede zu optimieren, um möglichst gut durch schwierige Zeiten zu kommen. Wir haben uns vor Gott zu verantworten, d.h. er ist dabei, hier und jetzt. Es geht nicht einfach um theoretische Theologie, um die Anwendung angeeigneten Wissens, damit wir alles richtig machen, sondern es geht um Glauben, um das Gespräch mit Gott, in welchem Er uns den richtigen Weg zu weisen und uns auf diesem zu trösten vermag.

 

Hat eigentlich schon einmal jemand in Erwägung gezogen, Viren genauer zu betrachten, unvoreingenommen als Teil der Schöpfung anzusehen? Womöglich sind manche vom Aussterben bedroht und gehören schnellstens unter Naturschutz gestellt?

 

  1. Der Verein

Wir blicken zurück auf das letzte Jahr, aber zugleich auf eine Wahlperiode von sechs Jahren, auf Entwicklungen und Gleichgebliebenes.

An der Zahl der Mitglieder hat sich wenig geändert. Wir haben fünf Anträge auf Aufnahme erhalten, darunter leider nur einer von den Vikaren und einer aus der EKBO. Dagegen hatten wir insgesamt 17 Austritte, vier davon aus Altersgründen und einige durch Umzug. Es gab aber auch noch einige wenige mit Bedarf an Klärung bezüglich der Mitgliedschaft. Sieben unserer Mitglieder sind verstorben. So sind wir derzeit 614 Mitglieder.

Zur Mitgliederversammlung und dem Pfarrertag haben wir vorsichtshalber wieder hierher nach Quedlinburg eingeladen, um die Abhängigkeit von anderen Entscheidungsträgern bezüglich der äußeren Umstände möglichst gering zu halten, damit wir nicht womöglich kurzfristig absagen müssen oder stark einschränkende Bedingungen zu erfüllen haben. Ich hoffe, Sie sind dennoch wieder gern hierhergekommen.

Vor einem Jahr hatte ich über den Baufortschritt an kleiner Küche und WC im Erdgeschoss unter dem Büro berichtet, verbunden mit der Hoffnung, im Winter alles nutzen können. Zum Glück habe ich nicht gesagt, in welchem Winter. Es wird wohl erst dieser werden, denn die Probleme mit Material und freien Kapazitäten zeigt sich auch hier. Die im November 2021 erteilten Aufträge für Fenster und Türen sind erst in den letzten Tagen und nur zu etwa zwei Dritteln abgearbeitet worden. Die Dielen für den Küchenfußboden hoffen wir nach fast einem Jahr Wartezeit auch in den kommenden Wochen zu erhalten. Die Heizung wird in sechs Wochen erweitert. Wir bleiben zuversichtlich.

 

In personeller Hinsicht können wir auf die letzten Jahre mit Dankbarkeit zurückblicken. Frau Kienitz hatte sich schnell in die neuen Aufgabenbereiche hineingefunden und wird von allen sehr geschätzt, von den Mitgliedern, die unkompliziert und schnell beraten werden, vom Vorstand, dem sie eine große Hilfe bei der Vorbereitung wichtiger Entscheidungen ist, und von mir für das tägliche Gespräch über nahezu alle Arbeitsbereiche von Pfarrverein und Pfarrvertretung. Frau Herrmann führt die Rechnung mit der uns vertrauten Sachkenntnis. Sie tut es so gut, dass unser Schatzmeister Bernd-Ullrich Stock sich ganz auf sie verlassen kann und ich vor Aufregungen bewahrt bleibe. Tillmann Boelter als Stellvertretender Vorsitzender kümmert sich u.a. um alle Fragen der Internetseite, arbeitet zusammen mit Michael Schütt, dem Vertreter der Vikare im Vorstand, und Christin Ostritz, die die Unterstützungsantrage bearbeitet, an inhaltlichen und praktischen Verbesserungen. Wir hoffen, dass Michael Schütt über die Vikariatszeit hinaus bereit ist, im Vorstand mitzuarbeiten, wenngleich er sich derzeit in seine erste Pfarrstelle einarbeiten muss. Dazu wünschen wir ihm Gottes Segen. Auch Michael Thurm ist dem Vorstand treu geblieben, was eine besondere Erwähnung verdient, hat ihm doch ein Unfall große Bewegungseinschränkungen beschert. Sowohl seine Aufgaben als Emeritenvertreter hat er weiter erfüllt als auch die in der Pfarrvertretung. Max Keßler übernahm wegen nicht erfreulicher Entwicklungen hier auf dem Wege einer Beurlaubung eine Pfarrstelle in der Bayrischen Landeskirche. Umso höher ist ihm anzurechnen, dass er weiter im Vorstand mitarbeitet, die Entfernung verachtend ganz treu zu den Vorstandssitzungen kommt und die Partnerschaft zum polnischen Pfarrverein pflegt. Gabriele Schmidt hat zwar darum gebeten, einen Nachfolger für die Herausgabe unseres Vereinsheftes zu suchen, aber zugleich versichert, uns nicht „hängenzulassen“. So bearbeitet sie alle Beiträge für das Heft und bereitet es zweimal jährlich für den Druck vor. Dafür danken wir ihr besonders und hoffen zugleich jemanden zu finden, der ihre Nachfolge anzutreten bereit ist.

Allen, Frau Herrmann, Frau Kienitz und den Mitgliedern des Vorstandes danke ich herzlich für die treue und verlässliche Zusammenarbeit gerade in diesen Zeiten, die das Potential haben, genau das zu erschweren. Wir haben alle notwendigen Diskussionen führen können, ohne uns auch nur im Mindesten zu entzweien. Vielmehr hat sich gezeigt, wie verlässlich das ist, was über Jahrzehnte gewachsen ist.

 

  1. Die Arbeit in der Pfarrvertretung und die Zusammenarbeit mit der Kirchenleitung

Über die vor zwei Jahren von der VELKD-Pfarrergesamtvertretung unter meiner Federführung herausgegebene Handreichung zur Erarbeitung von Pfarrvertretungsgesetzen hatte ich schon berichtet. Inzwischen hat die Arbeit an der Novellierung der Regelungen in der EKM begonnen. Nicht zu übersehen ist dabei, dass es Kräfte gibt, die das als eine neuerliche Gelegenheit sehen, den Einfluss des Pfarrvereins stark zu reduzieren. Hat der Verein bisher zwei Mitglieder und den Vertreter der Ruheständler, insgesamt also drei benannt, sollte im ersten Entwurf nur noch eine Person entsandt werden können, bei gleichzeitiger Erhöhung der Gesamtzahl von neun auf zehn. Seitens der Pfarrvertretung haben wir deutlich gemacht, dass wir das für unangemessen halten. Auch der Argumentation, Nichtvereinsmitglieder dürften nicht schlechtergestellt werden als Vereinsmitglieder, konnte ich nicht folgen. Vielmehr ist es so, dass auch diejenigen von den Möglichkeiten des Vereins profitieren, die keinen Beitrag zahlen, legen wir doch großen Wert darauf, dass alle immer so gut wie möglich beraten werden, natürlich auch mit Frau Kienitz im Hintergrund. Wer im Verein Mitglied ist, hat zwar den Vorteil einer Rechtsschutzversicherung, aber die kostet eben Geld wie jede andere Versicherung. Von einer Versicherung bekommt niemand etwas ausgezahlt, der zuvor nichts eingezahlt hat.

Im zweiten Entwurf war dann der Verein zwar mit zwei Personen vorgesehen, dafür wurde aber die Gesamtzahl auf zwölf erhöht. Die Tendenz bleibt also unverändert und Geld spielt keine Rolle, allerdings nur solange es nicht um die Finanzierung einer Stelle für den Pfarrvertretungsvorsitzenden geht, welche man wieder bei einer halben belassen möchte, obwohl sich in der letzten Wahlperiode zweifelsfrei gezeigt hatte, dass das nicht praktikabel ist. Das dieser Zustand wieder eintreten würde, dürfte also mindestens billigend in Kauf genommen werden.

 

Bemerkenswert ist, dass bei allen Fragen im Zusammenhang der sogenannten Coronakrise (Der Begriff ist ungerecht, weil das Virus nahezu nichts dafür kann.) die Zusammenarbeit mit der Pfarrvertretung von keinem nennenswerten Interesse ist. Die Einbindung in den Krisenstab wurde mehrfach und unmissverständlich abgelehnt. Das ist einerseits bedauerlich, versetzt uns aber zugleich in die komfortable Lage, Kritik in größerer Freiheit üben zu können. Diese Anregung habe ich selbstverständlich pflichtgemäß aufgegriffen.

 

Im letzten Bericht hatte ich der Befürchtung Ausdruck verliehen, man könne, durch die Krise angeregt, Ideen zur Kürzung der Gehälter entwickeln. Nicht nur das ist geschehen, sondern sie sind inzwischen in die Tat umgesetzt worden. Mit der Begründung haben wir uns sehr genau befasst und zum Gesetzentwurf detailliert Stellung genommen. Die Argumentation war nämlich keinesfalls überzeugend. Es wurde die pandemiebedingte Übersterblichkeit des Jahres 2020 angeführt, die es definitiv nicht gab. Abgesehen davon lag das Durchschnittsalter der in diesem Zusammenhang Verstorbenen ca. zwei Jahre über der normalen Lebenserwartung, wirkt sich folglich auf die Kirchensteuereinnahmen schlichtweg nicht aus. Die angeführten Mehraufwendungen für Tagungshäuser können aus unserer Sicht kein Grund für Gehaltskürzungen der Pfarrerschaft sein. Am kuriosesten war die Benennung „andere Faktoren“, so wörtlich. Dazu konnten wir nicht Stellung nehmen. Kurz zusammengefasst: Keines der Argumente konnte uns überzeugen. Die EKM wird also weiterhin bei den gezahlten Gehältern Schlusslicht bleiben. Die anstehenden Gehaltsanpassungen, die letztendlich lediglich ein Inflationsausgleich sind, werden verschoben. Die Pfarrerschaft wird mit 1,1 Millionen Euro für Einsparungen an anderen Stellen herangezogen.

Auch die Mitarbeitervertretung hat dagegen votiert, zwar mit weniger intellektuellem Aufwand, aber mit ungleich mehr Erfolg. Das liegt natürlich nicht an deren Fähigkeiten, sondern an der Gesetzgebung, denn die Mitarbeitervertretung muss zustimmen, während die Pfarrvertretung lediglich angehört wird. Im Amtsblatt konnten wir das Ergebnis nachlesen, dass die Lohnerhöhungen der Mitarbeiter jeweils zum 1. Januar erfolgen werden. Eines haben allerdings auch sie hinnehmen müssen: die Kürzung der wöchentlichen Arbeitszeit um eine Stunde.

 

  1. Kontakte zu den Partnervereinen

Die eingeschränkten Reisemöglichkeiten verhinderten auch dieses Jahr die direkte Begegnung mit den Partnern im Ausland. Die Hilfen fließen weiterhin, doch insbesondere die Unterstützung der Pfarrhaussanierungen in der Slowakei leidet darunter, weil wir die Häuser nicht selbst besichtigen können. Es zeigt sich immer mehr, dass Videokonferenzen zwar billiger sind, aber die direkte Begegnung bei Weitem nicht ersetzen können.

In einem konkreten Fall in Švábovce haben wir schnell helfen wollen. In dem Haus gab es eine bausubstanzbedingte Schimmelbelastung, die Anlass gab, gesundheitliche Schäden zu befürchten, besonders bei einem der Kinder. Wir hatten deshalb angeregt, zuerst ein Gutachten erstellen zu lassen, um die Ursachen genauer zu erforschen, damit der Erfolg abgesichert wird. Das Vorhaben wurde unabhängig vom Verteilerausschuss von unserem Verein kurzfristig mit 10.000 € gefördert. Der Gemeinde in Mischdorf hatte der Verein ein Darlehen von 15.000 € gewährt. Aufgrund der wesentlich geringeren Kollekten in den letzten Monaten, war es für die Gemeinde zunehmend problematisch, die Raten aufzubringen. Der Vorstand hat deshalb beschlossen, die letzten 4.500 € zu erlassen. Beide Gemeinden waren sehr dankbar.

Die kirchliche Gesamtsituation in der Slowakei ist weiterhin von großen Differenzen untereinander geprägt, die es uns erschweren, alles zu verstehen und einzuordnen. Stellenweise belastet das die Dreierpartnerschaft. Der Generalinspektor ist vor kurzem zurückgetreten, eine Nachwahl blieb erfolglos, weil keiner der Kandidaten die erforderlichen Stimmen auf sich vereinigen konnte. Der Vorsitzende des Pfarrvereins Jan Buncak wird die Stelle des Direktors des Generalbischofs antreten. Mir wurde berichtet, er sei als Vorsitzender des Vereins zurückgetreten. Ob dies dann tatsächlich so geschehen ist, blieb aber unklar.

Die Herausgabe eines Andachtsbuches, das sich großer Beliebtheit erfreut, konnten wir ebenfalls wieder fördern.

 

Die Partner in Polen haben wir mit einer größeren Summe von 20.000 € unterstützt, weil die Gemeinden dort die Gehälter selbst aufbringen müssen. Auf diesem Wege sollen alle Familien einen einmaligen Zuschuss erhalten und ein Teil des Geldes für konkrete Notfälle bereitliegen. Die polnischen Partner sind dafür sehr dankbar.

 

  1. Ferienhäuser

Sicherlich erinnert sich noch der eine oder andere, wie wir vor Jahren darüber diskutiert haben, ob die Ferienhäuser an der Bleilochtalsperre weiterhin betrieben und das kirchliche Feriendorf in Lubmin überhaupt übernommen werden soll. Im Rückgriff auf die Erfahrungen vor der Wende haben wir uns entschieden, erstere zu erhalten und die Finnhütten zu übernehmen, ergänzt um zwei Stellplätze. Dass sich diese Entscheidung so schnell als richtig erweisen sollte, haben wir nicht geahnt. Nun zeigt sich, wie gut es ist, im Inland Urlaubsplätze vorzuhalten und anbieten zu können. Die Auslastung war spürbar höher als sonst, der Ausfall der Belegung durch Pfarrfamilien aus Osteuropa in Lubmin, finanziert durch den Sächsischen Pfarrverein, wurde durch die verstärkten Nachfragen mehr als ausgeglichen. Auch Zoppoten war in der Saison pausenlos ausgebucht, was einerseits erfreulich ist, andererseits ein dort bestehendes Problem verstärkt: die Biotoiletten kommen mit der Kompostierung nicht nach. Eine nähere Beschreibung erspare ich Ihnen jetzt. Vorhin haben wir im Vorstand beschlossen, für das Haus Nr. 218, das am meisten nachgefragt wird, testweise Abhilfe zu schaffen. Das wird mittels einer norwegischen Verbrennungstoilette geschehen – was es nicht alles gibt, um der natürlichsten Vorgänge Herr zu werden. Kosten pro Haus ca. 4.000 €. Damit dürfte die Reinigung wesentlich erleichtert werden, was auch Kosten spart. Die permanente Geruchsbelästigung dürfte gänzlich der Vergangenheit angehören, was das Verhältnis zu den Nachbarn positiv beeinflussen wird. In der kühleren Jahreszeit wird es möglicherweise zu einer Verhaltensänderung der Urlauber führen: gewöhnlich möchte ja am Morgen jeder der erste Besucher dieses Ortes sein, was im Sommer auch so bleiben wird. Aber im Herbst und Winter hat es der zweite wärmer. Damit dürften wir also sogar zu einem gewissen Nachteilsausgleich beitragen, der die Urlaubszeit friedvoller werden lassen kann.

Mit Frau Notzke, der neuen Reinigungsfirma aus Lobenstein, haben wir sehr gute Erfahrungen sammeln dürfen. Die Häuser sind bestens gereinigt und werden zuverlässig betreut.

 

  1. Das Testament Christian Scrivers

Vor einigen Tagen erwarb ich ein Buch aus dem Jahr 1869, die fünfte Auflage binnen 17 Jahren: „Der Haussegen von Christian Scriver“. Es ist eine Zusammenstellung wichtiger Aussagen aus seinen Schriften. Herausgegeben hat es Pfarrer Victor August Jäger aus Köngen in Württemberg. Über das Jahr 1848 schrieb er: „Wie umwölkt ist der politische Horizont!“ Zwei Jahre später erschien, vielleicht als Antwort, „Der Haussegen“. Fasziniert hat mich die Vorrede: „Wohl möglich, daß Mancher, wenn er das vorliegende Buch aufschlägt und Einiges darin liest, sich versucht fühlt, zu denken, es sey kein Buch für ihn, denn die Sprache sei veraltet, und eben das seyen gar viele Meinungen, welche es ausspricht. Einem Solchen möchten wir rathen, das Buch von hinten zu lesen, nämlich zuerst dasjenige, was es auf den letzten Blättern von dem Sterben der Männer erzählt, aus deren Schriften der Inhalt genommen ist. Nur durch den Glauben, den man heutzutage oft veraltet und längst überwunden nennt, haben sie, wie in den Kämpfen ihres Lebens, so endlich im Tode überwunden, und statt seine Bitterkeit zu schmecken, die Süßigkeit des ewigen Lebens voraus empfinden dürfen.“

Das Buch von hinten lesen, das Leben vom Ende her begreifen – ein interessanter Rat, den ich befolgte und etwas aus Christians Scrivers Testament fand: „Ich erkläre hiermit meinen süßen Herrn Jesum Christum zu meinem völligen Erben und vermache ihm vor Allem meine Seele; dann will ich ihm auch meine Kinder, Weib, Schwestern, Blutsverwandte und Freunde sämmtlich vermacht und übergeben haben, daß er sie aufnehme, versorge, erhalte und durch seine Macht zur Seligkeit bewahre!“ Als er starb betete er für sie: „Lieber himmlischer Vater, du weißt, was ich täglich bitte, bewahre meine Kinder vor der gottlosen Welt Aergerniß und Verführung! Sie sind dein, mein Gott. Du hast sie mir gegeben und ich habe sie dir wieder gegeben, segne und behüte sie …“

Fühlen wir uns auch versucht zu denken, Sprache und Inhalt seien veraltet? Oder sind es genau die Worte, die so viele in dieser zweifelsohne weitgehend gottlosen Welt brauchen, auch wir selbst, um dem Ärgernis und der Verführung zu widerstehen? Dem Rat zu folgen könnte sich lohnen.

Martin Michaelis

[1] WB Grimm, Bd. 1, Sp. 1336, Ziffer 1-2; Stichwort behende

[2] Christian Scriver, Seelenschatz, Darinn Von der menschlichen Seelen hohen Würde, Magdeburg und Leipzig, 1715, Erster Theil, erste Predigt S. 2

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