Offener Brief an MP Haseloff von Martin Michaelis aus Quedlinburg

Pfarrer Martin Michaelis, Quedlinburg

1. Mai 2021

 

Herrn Ministerpräsident Reiner Haseloff

Staatskanzlei des Landes Sachsen-​Anhalt
Hegelstraße 40 – 42
39104 Magdeburg

 

 

Offener Brief:

Polizeieinsatz gegen friedliche Spaziergänger in Quedlinburg

 

 

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,

bereits vor einem Jahr hatte ich Ihnen aus Sorge um die Entwicklungen in unserem Land geschrieben und Ihnen meinen Text „Seid nüchtern und wachet„ http://www.thueringer-pfarrverein.de/neu/index.php/downloads/send/6-sonstiges/100-seid-nuechtern-und-wachet zur Verfügung gestellt.

Wenngleich ich Ihnen diesmal als Privatperson schreibe, so hoffe ich heute dennoch auf größere Aufmerksamkeit für meine Zeilen als beim letzten Mal.

Ich schreibe Ihnen, weil ich heute einen Polizeieinsatz erlebt habe, der zwar vergleichsweise harmlos verlief, mir aber vor Augen und vor allem ins Gemüt führte, in welchem Zustand sich dieses Land befindet und welche Stimmung sich zusammenbraut.

Zusammen mit meinem Sohn und dem acht Monate alten Enkelkind im Kinderwagen bin ich heute Nachmittag in Quedlinburg spazieren gegangen. Unterhalb des Schlossberges waren viele Quedlinburger, die das schöne Wetter genossen haben. Dann aber kamen immer mehr Mannschaftswagen der Polizei, teilweise waren sie vorher auf dem Markt. Soweit ich das überblicken konnte, waren es mindestens 15 Stück. Wir haben uns aus dem Wordgarten Richtung Schlossberg begeben. Dort war für uns ohne ersichtlichen Grund die Straße „Schlossberg“ abgeriegelt, so dass wir in die Lange Gasse abbiegen mussten, doch wurde plötzlich auch mit mehreren Mannschaftswagen abgesperrt, die mit völlig unangemessener Geschwindigkeit durch die unübersichtlichen Gassen fuhren. Aber vielleicht habe ich das nur so empfunden. Wir gingen deshalb zurück, trafen auf einige andere Spaziergänger, die nun auch zurückweichen mussten, um durch das Altersheim in der Carl-Ritter-Straße nach Hause zu gehen. Plötzlich wurden wir und zwei (2!!!) andere Spaziergänger von insgesamt mindestens sechs Polizisten im Laufschritt überholt. Diese haben uns dann den Weg versperrt und uns mit insgesamt mindestens 15 Polizisten eingekreist. Wir durften nicht weitergehen. Als wir protestierten, wurde uns gesagt, wir könnten uns ja frei bewegen. Als wir das allerdings tun wollten, wurde uns erneut der Weg versperrt. Welch verlogener Hohn! Wir wurden dann aufgefordert unsere Personalien bekanntzugeben, um ein Ordnungswidrigkeitsverfahren gegen uns einzuleiten, weil wir die Abstände nicht einhalten würden. Erst dann durften wir den Heimweg antreten.

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, ich bin entsetzt, zunehmend entsetzt, wie mit den Bürgern in unserem Land umgegangen wird. Sowohl durch zahlreiche persönliche Berichte als auch durch das Internet waren mir solche Vorfälle zwar schon bekannt, nun aber habe ich es persönlich erlebt.

Ich habe jetzt selbst erlebt, wie die Polizei durch einen massiven, völlig überzogenen, juristisch nennt man das wohl unverhältnismäßigen Einsatz, bewaffnet mit Helmen, Pistolen und Schlagstöcken (laut Berthold Brecht sind letztere deren Argumente, habe ich als Kind in der DDR mal gelesen) Menschen zusammendrängt, um ihnen dann die Vorwürfe machen zu können, die man für den Vorwurf einer Ordnungswidrigkeit braucht.

Wir haben für den Erhalt der Stadt viel getan, haben dafür immerhin den Bundespreis für Handwerk in der Denkmalpflege durch Ihren Vorgänger überreicht bekommen, vor kurzer Zeit ohne jeglichen finanziellen Beitrag von Stadt oder Land eine Sonderausstellung im Schlossmuseum über Oberhofprediger Christian Scriver gestaltet u.v.a.m..

Sie sind der Ministerpräsident dieses Landes. Sie übernahmen die Aufgabe im Auftrag einer Partei, die das „C“ im Namen trägt. Bisher habe ich geglaubt, das stehe für „christlich“ und mich bei der letzten Wahl entsprechend verhalten. Nun habe ich die ernste Befürchtung, heute bis zum Entsetzen gesteigert, das „C“ stehe nur noch für „Corona“. Das scheint für mich, seit heute mit eigenen Augen gesehen, offensichtlich einen Umgang mit Menschen zu rechtfertigen, der mit den christlichen Werten und Anliegen für mich nicht mehr erkennbar etwas anzufangen weiß. Bezüglich meines bisherigen und zukünftigen Wahlverhaltens gibt mir das massiv zu denken. Ich werde darüber weder schweigen können noch wollen.

Als friedliche Menschen – und ich würde definitiv niemandem Gewalt antun – zusammen mit meinem Sohn samt Kinderwagen derart behandelt zu werden, dafür fehlt mir jedes Verständnis.

Können Sie mir erklären, weshalb ich für dieses Land Sachsen-Anhalt, in dem ich lebe, für das ich arbeite und Steuern zahle, eine solche Gefahr darstelle, die das rechtfertigt?

Mir fällt dazu nämlich nichts mehr ein, gar nichts! – Und bitte schreiben Sie mir als einem Leser von Berthold Brechts Texten nicht, dass sich das Volk durch Nichteinhaltung von unüberschaubaren Maßnahmen seiner Regierung unwürdig erwiesen habe.

 

Mit freundlichen Grüßen

Martin Michaelis

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