Philosophieprofessor über das „dröhnende Schweigen der Kirchen“

Der Philosophieprofessor und Theologe Thomas Sören Hoffmann lehrt an der Fernuniversität Hagen. In einem Interview mit dem evangelikalen Gemeindehilfsbund (Walsrode/Krelingen) äußerte Hoffmann scharfe Kritik an der öffentlichen Haltung der Kirchenleitungen in der Coronakrise. Wir geben hier folgenden Ausschnitt wieder:

Das Schweigen der großen Kirchen zur Coronaplage enttäuscht viele Christen. Außer viel Verständnis für die staatlichen Restriktionen kann man nicht viel hören. Dabei wäre Luthers Sermon von der Zubereitung zum Sterben von 1519 eigentlich ein gutes Vorbild für ein seelsorgerliches Wort. Aber auch sonst gibt es kaum Versuche, Gottes hintergründiges Handeln bei dieser Plage zu deuten. Kann eine christliche Philosophie hierzu etwas sagen?

Interessanterweise sind auch viele Nichtchristen, so auch unter meinen Fachkollegen, über das in der Tat dröhnende Schweigen der Kirchen zu den verschiedenen Facetten von „Corona“ verblüfft, wenn nicht darüber enttäuscht. Wenn es schon für den Staat ein Armutszeugnis ist, wenn er dieMenschen nur noch mit medizinisch-technischem Blick betrachtet und ihm außer „Warn-Apps“, Testungen und Impfungen nichts einzufallen scheint, ist es eindeutig noch viel schlimmer, wenn auch die Kirchen den Menschen und seine Lebensvollzüge nur noch als biologisches Wesen, als Fleisch und unter dem Aspekt der Volksgesundheit zu kennen scheinen. Wenn beim Abendmahl das eigentliche „Realpräsente“ die „Infektionsgefahr“ ist, wenn Altenheimbewohner auch „kirchlicher“ Altenheime gnadenlos isoliert und noch im Sterben alleingelassen werden, wenn die Seelen im „Lockdown“ geschlagener, ja missbrauchter Kinder nichts mehr zählen, könnte es sogar sein, dass die Kirchen heimlich, still und leise ihren Platz einer neuen „Gesundheitsreligion“ geräumt ha- ben, mit der sie gar nicht erst konkurrieren wollen.

Der eher dem linken Lager zuzuordnende, weltweit bekannte italienische Philosoph Giorgio Agamben hat in der „Neuen Zürcher Zeitung“ daran erinnert, dass es sehr merkwürdig sei, wenn gerade das Christentum, das früher nie den Kontakt zu Kranken gescheut habe, heute auch bei Gesunden das „social distancing“ praktiziere, weil irgendjemand ja doch ansteckend sein „könnte“. Sehr tiefsinnig scheint mir Agambens Einsicht zu sein, dass wir am Beginn der Ära einer neuen „Gesundheitspflicht“ stehen könnten, in deren Zeichen der christliche Gedanke, dass zur Gottebenbildkeit auch das Kranke, Leidende und Schwache am Menschen gehört, keinen Platz mehr haben wird. Zu Luther nur so viel: als 1527 in Wittenberg die Pest ausbrach, hat er sich geweigert, die Stadt zu räumen, da er gebraucht würde. In einem Brief le-sen wir: „Wenn ich die Pest gleich tausend Mal an meinem Leibe hätte, will ich mich darum nicht zu Tode fürchten; denn ich habe Christus, ist es sein Wille, so soll mir die Pest weniger schaden als ein Floh unter meinem Arm; der frisst und sticht wohl ein wenig, er kann mir aber das Leben nicht nehmen. Aber weil wir nicht glauben und solche geistlichen Au- gen nicht haben, kommt es, dass wir uns so fürchten und verzagen und in so närrische Gedanken geraten. Alles Un- glück, wie groß es vor deinen Augen ist, ist vor unserem Herrn Christus weniger denn nichts.“ Dazu noch folgender Hinweis: die Letalität, d.h. die Sterblichkeit im Falle der Pest- infektion, liegt unbehandelt zwischen 50 und 90%, bei mo- derner Behandlung immer noch bei 15%. Die Letalität einer Covid19-Erkrankung beträgt etwa 0,2%.

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