WELT: Gesundheitsökonom Prof. Schrappe hält Bundesregierung für beratungsresistent

Der Mediziner und Gesundheitsökonom Matthias Schrappe, 65, war von 2007 bis 2011 stellvertretender Vorsitzender des Sachverständigenrates Gesundheit. Zusammen mit anderen Wissenschaftlern veröffentlicht er an diesem Sonntag ein Papier, in dem er eine neue Strategie in der Pandemie anmahnt.

Die WELT hat ein Interview mit ihm veröffentlicht. Daraus einige Zitate:

WELT: Herr Schrappe, Sie haben mit acht Wissenschaftlern ein Papier über die Bundesregierung und ihre Corona-Politik verfasst. War das nötig?

Matthias Schrappe: Ja. Weil nichts zu erkennen ist, was nach einer brauchbaren Strategie aussieht. (…).    Aber die Bundesregierung ist beratungsresistent. Am Sonntag veröffentlichen wir dennoch ein Thesenpapier, wie man Pflegeheime und Krankenhäuser wirkungsvoll schützen kann. (…) … werden besonders gefährdete Menschen auf der Strecke bleiben. Es gibt keine geeigneten Schutzkonzepte für sie.
(…) Wenn in Deutschland von Schutz die Rede ist, dann kann man sich darauf verlassen, dass damit wegsperren gemeint ist.
(…)
WELT: Was stattdessen?

Schrappe: Menschlichkeit und ein wohlwollender Schutz, der von der Persönlichkeit und der Würde der Betroffenen ausgeht. (…)
Aber das ist eine Führungsaufgabe, dazu müsste die Bundesregierung bereit sein, mit Präventionsideen zu experimentieren, sie müsste es ausprobieren, und sie sollte vor allem auf diese permanenten Lockdown-Drohungen verzichten.
(…)

WELT: Was raten Sie?
Schrappe: Deutschland hat die üblichen Instrumente der Infektionssteuerung links liegen gelassen. (…)
Eine Infektion, die asymptomatisch übertragen wird, kann nicht allein durch Barriere- und Nachverfolgungsmaßnahmen in Schach gehalten werden.(…) Es geht nicht anders, es gibt keine Alternative, als auf die Risikogruppen zuzugehen. Aber das ist in der Politik, die nur das Virus im Blick hat und deshalb auf Virologen hört, nicht angekommen. So bahnen sich Verhängnisse an.
WELT: Das soll der aktuelle „Lockdown light“ ja verhindern …
Schrappe: Ob wir diesen Lockdown machen oder nicht, spielt keine Rolle. Er kann auch keine Welle brechen, wie oft behauptet wird. Es handelt sich eher um einen lang dauernden Anstieg, wie in den anderen Ländern auch.
(…)
Die Zahlen werden weiter steigen, vielleicht etwas langsamer.(…)
Immer und überall nahm ein Lockdown denselben Verlauf, und das war keine Erfolgsgeschichte. Es gab eine steile Infektionskurve nach unten, die viel Verzicht und Leid gekostet hat. Aber nach dem Lockdown gewann die Kurve rasch ihre alte Höhe zurück. Niemand kann heute sagen, ob ein Lockdown darüber hinaus einen längerfristigen Effekt einbringt.
(…)
Die Infektionen wachsen in der Breite, man nennt das sporadischer Ausbreitungstypus, dem man immer nur hinterherrennen kann. Aber es gibt keine Chance, dem Virus zuvorzukommen, was auf Dauer die Gesundheitsämter ruiniert.
WELT: Was also tun?
Schrappe: Es würde helfen, wenn die Labore nicht nur den Befund negativ oder positiv ausgäben, sondern auch die Infektiosität. Den kennen sie, er ergibt sich mit der Zyklenzahl, also der Dauer des PCR-Tests. (…) Ein Kind, das zum Nachweis des Virus 38 Zyklen braucht, ist mit Sicherheit nicht infektiös. Da muss nicht die ganze Schulklasse in Quarantäne.
WELT: Was ist mit Restaurants, Bars und Theatern?
Schrappe: Es gibt keine Gewissheit, ob wir uns dort anstecken. Die Zahlen sprechen eher nicht dafür. Man kann sie geöffnet lassen, unter Schutz versprechenden Maßnahmen.
(…)
Die Verfügbarkeit eines Impfstoffs ist erst der erste Millimeter eines langen, langen Weges. Selbst wenn man pro Arbeitstag 60.000 Impfdosen verabreichen könnte, würde man 1000 Arbeitstage benötigen, bis alle Menschen in Deutschland geimpft sind.
(…)
WELT: Das heißt, wir werden noch Jahre mit dem Coronavirus leben?
Schrappe: Selbstverständlich. Für Ärzte und das Gesundheitssystem wird Corona als Differenzialdiagnose völlig normal werden und auch seinen Schrecken verlieren. (…)
WELT: Der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sagt, kein anderes Land sei mit so milden Mitteln so gut durch die Pandemie gekommen wie Deutschland. Sehen Sie das auch so?
Schrappe: Es gibt sechsmal so viele Intensivbetten wie in Frankreich, und die Intensivmediziner sagen, die Mortalität sinke und sinke. (…)
WELT: Was halten Sie vom neuen Infektionsschutzgesetz?
Schrappe: Damit wächst die Kontrollmacht des Staates, die ärztliche Schweigepflicht ist in Gefahr. Wir gefährden einen wichtigen, historisch bewährten Grundwert unserer Gesellschaft. 

Zitate aus „Die WELT“, 20.11.2020

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