Pfarrer Michaelis (Mitteldeutsche Pfarrervertretung) schreibt Leserbrief an Süddeutsche Zeitung

Sehr geehrter Herren Balser, Brössler und Herrmann,

Herrn Reitschuster bin ich seit Monaten sehr dankbar für seine journalistische Arbeit: mutig, intelligent, humorvoll. Er bringt so vieles ans Licht, das sonst fatalerweise verborgen bliebe.

Umso erstaunter bin ich, dass Sie seine Arbeit, die Ihnen als leuchtendes Vorbild dienen könnte, zu diskreditieren suchen, und das auf eine Weise, die ich jetzt nicht näher erörtere, denn das haben andere zur Genüge getan, besser als ich es könnte.

Ich darf Ihnen kurz darlegen, wie ich Herrn Reitschusters Arbeit sehe. Ich tue das mit den Mitteln, die mir von Berufs wegen gegeben sind, und erinnere an Martin Luther und die Reformation, ohne die wir eine so freie Gesellschaft nicht wären, wie wir sie bis vor wenigen Monaten waren.

1520 schrieb Martin Luther in „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ diese zwei Sätze: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“

Im Sinne des ersten Satzes tut Herr Reitschuster frei und unabhängig das, was einem Journalisten aufgetragen ist. Er dient sich keiner Regierung und keiner Angst an.

Im Sinne des zweiten Satzes sucht er unserer Gesellschaft und jedem Einzelnen zu dienen, indem er zur Wahrheit und Offenheit das Seine beiträgt.

Dass er dafür auch finanzielle Unterstützung erhält, ist biblisch absolut korrekt, denn „Ein Arbeiter ist seines Lohnes wert“ (Lukas 10,7). Und er gesteht seinen Lesern zu, dass sie selbst beurteilen dürfen, ob es gute Arbeit ist und wieviel sie ihm zu geben bereit sind, während andere Medien sich mittels GEZ oder Bezahlschranke zuerst bedienen und dann nicht willens oder in der Lage sind, der Wahrheitsfindung zu dienen, man kauft also die sprichwörtliche Katze im Sack.

Im Vergleich zur gegenwärtig geschürten Angst, den seelischen und finanziellen Folgen war ein Herr Johann Tetzel mit seinem Ablasshandel ein Waisenknabe. Wir brauchen gegenwärtig also sehr viel lutherische Standhaftigkeit. Und jeder, der sie aufzubringen vermag, verdient unsere Unterstützung.

Martin Luther hat damals die Bannandrohungsbulle, die päpstliche Schmähschrift verbrannt. Ihnen mag man zugutehalten, dass Sie mittels der unterirdischen Qualität Ihrer Schmähschrift vom 18.02.2021 in der SZ gegen Herrn Reitschuster sowohl uns Lesern als auch ihm gewissermaßen die Streichhölzer gleich mitgeliefert haben.

Bleibt mir, Ihnen wache und tatkräftige Schutzengel ganz im Duktus der Predigt Luthers zum Michaelistag 1529  zu wünschen: „Wenn sie sehen, dass ihr Amt nicht fortgehen will, du willst nicht gehorsam sein, schlagen sie dich auf das Maul.“

Möge es Ihnen gelingen, die zahlreichen Kommentare und den Unwillen mancher, Ihre Zeitung weiterhin zu lesen, entsprechend zu deuten.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Martin Michaelis
Vorsitzender der Pfarrvertretung (= Personalvertretung od. Betriebsrat für Pfarrer) der Evang. Kirche in Mitteldeutschland
Vorsitzender der Pfarrgesamtvertretung der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (alle luth. Kirchen)
Vorsitzender des Thüringer Pfarrvereins
Mitglied des Vorstandes des Verbandes evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer
in Deutschland
Mitglied der Dienstrechtlichen Kommission der EKD

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