Die Intensivbetten und die offenkundige Fehlannahme ihrer Überlastung

Die WELT hat am 29.6. 21 einen hier in Auszügen zitierten Artikel über den „Fall Schrappe“ veröffentlicht. Wobei es eigentlich darum geht, dass aus den sich als richtig erwiesenen Hinweisen des Gesundheitsökonomen und seiner Arbeitsgruppe auf die eben nicht allgemein vorhandene Überlastung der Intensivbetten während Coronazeiten von bestimmten Medien ein „Fall“ gemacht wurde. Nicht den Hinweisen wurde nachgegangen – sondern der Hinweisgeber wurde angegangen.

Und jetzt? Wo der Bundesrechnungshof praktisch das Gleiche sagt? Schweigen im Walde. Berichtet wird nur in der Springerpresse. Das ist merkwürdig. Unfasslich und eigentlich auch undenkbar. Dabei sind diese Informationen essentiell dafür, dass nicht im nächsten Winter wieder die gleiche Behauptung, die jetzt schon in zwei Saisons sich als falsch erwiesen hat, wieder zur Begründung von Zwangsmaßnahmen, Lockdowns und Notbremsen missbraucht wird!

DIE WELT – 29.6.2021

Der Fall Schrappe – Auszüge aus einem Artikel von Frank Lübberding

"Als Matthias Schrappe auf Betrug bei den Intensivbetten hinwies, stand er im Kreuzfeuer der Kritik. Inzwischen hat der Bundesrechnungshof ihn bestätigt. Was ist aus dem Medienversagen in der DIVI-Affäre zu lernen – und welche Rolle spielte dabei eine E-Mail von Christian Drosten? (...)




Am 16. Mai 2021 veröffentlichte eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe um den Gesundheitsökonomen Matthias Schrappe ein Positionspapier, das er in einem Interview in der WELT vorstellte. Die Forscher stellten darin die These auf, dass die Angst vor einem Notstand auf den deutschen Intensivstationen in der Pandemie unbegründet war."

... "die vermeintlich drohende Überlastung der Intensivstationen war das zentrale Argument für die schwerwiegenden Grundrechtseingriffe der „Bundesnotbremse“. Wer dieses Argument infrage stellt, der stellt auch die deutsche Pandemiepolitik infrage – und jene Medien, die sie mit immer neuen Warnungen orchestriert haben."

"Zwar ist die Lage auf den Intensivstationen immer dramatisch, weil es per definitionem um Leben und Tod geht. Allerdings war das auch nie Gegenstand der Debatte – sondern vielmehr die Frage, ob eine Überlastung der Intensivstationen drohte, die schwerwiegende Grundrechtseinschränkungen rechtfertigt. Dieser Frage wollten sich jene Funktionäre, die ebendiese Einschränkungen gefordert hatten, nicht stellen. In einer gemeinsamen Erklärung wiesen die Intensivmediziner-Lobby DIVI (Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin), der Marburger Bund und die Deutsche Krankenhausgesellschaft die „irreführenden Vorwürfe“ der Schrappe-Arbeitsgruppe „aufs Schärfste“ zurück – und stellten fest, die Intensivstationen hätten „großartige Arbeit geleistet“."
... "der Programmierer Tom Lausen im niedersächsischen Grünendeich (...) beobachtete (...)  bei der Auswertung der Daten des DIVI-Intensivregisters ein bemerkenswertes Phänomen: Nach der Umstellung der Krankenhausfinanzierung sank die Zahl der gemeldeten Intensivbetten in vielen Krankenhäusern."

Wohl schon zeitlich vorher: "In Spahns Ministerium stieß sich ein Staatssekretär an den Intensivbettenzahlen. Am 9. Januar bat er das RKI um eine Erklärung, „warum zwar aktuell die tägliche Anzahl von Neuaufnahmen unter der Zahl der Abgänge liegt, wir dennoch eine fortgesetzte Abnahme der Zahl freier Intensivbetten beobachten“."

"Politische Konsequenzen hatte diese berechtigte Nachfrage, die das Kernargument für die flächendeckenden Restriktionen betraf, offensichtlich nicht. So blieb Deutschland im Lockdown gefangen." (...)

"Gleichzeitig bemühte sich Schrappes Arbeitsgruppe weiterhin, die politischen und ökonomischen Konsequenzen der gesetzlichen Regelungen transparent zu machen. Dabei hätte es die Bundesregierung im Frühjahr so einfach haben können: Auf Grundlage des mittlerweile bestätigten wissenschaftlichen Sachstandes war schon damals mit einer weitgehenden Beruhigung der pandemischen Lage zu rechnen. Die entscheidenden Gründe dafür waren die Saisonalität des Virus und die erfolgreiche Impfkampagne. Die Bundeskanzlerin hätte guten Gewissens eine weitgehende Aufhebung der gravierenden Grundrechtseinschränkungen ankündigen können.

Stattdessen verschärfte die Bundesregierung auf Grundlage mittlerweile falsifizierter Modellrechnungen sogar noch die Maßnahmen."

"Es gab eine unheilige Allianz aus Wissenschaftlern, Medien und Politik. Einige Wissenschaftler deklarierten, was Wissenschaft ist – nämlich nur ihre jeweilige Position. Medien sorgten für die nötige Reichweite, indem sie Gegenpositionen als unwissenschaftlich und gefährlich abqualifizierten. (...) Die Politik wiederum legitimierte ihre Entscheidungen mit den Einschätzungen jener Wissenschaftler, die das sagten, was die Politik aus unerfindlichen Gründen hören wollte (...).

Allerdings geriet diese Allianz mit dem weitgehenden Zusammenbruch ihrer wissenschaftlichen Annahmen selber unter Legitimationsdruck. Das zeigte sich spätestens, als die Arbeitsgruppe um Schrappe Mitte Mai ihre Ergebnisse über die tatsächliche Lage auf den Intensivstationen vorlegte. Die „Angst vor knappen Intensivkapazitäten oder der Triage war unbegründet“, so Schrappe. Der von namhaften Intensivmedizinern so lautstark beschworene Notstand wäre auch merkwürdig gewesen: Das deutsche Gesundheitssystem ist weltweit führend in der Ausstattung mit Intensivbetten."

(...)

"Beteiligt an der Denunziation der Schrappe-Arbeitsgruppe waren die ersten Adressen im deutschen Journalismus, darunter der „Spiegel“, öffentlich-rechtliche Formate wie „Tagesschau.de“ oder der WDR. Letzterer verlinkte sogar auf den „Volksverpetzer“, einen angeblichen „Anti-Fake-News-Blog“, der vor allem dazu dient, abweichende Meinungen zu brandmarken.

Dieser unterstellte der Arbeitsgruppe von Schrappe (...) „verschwörungsideologische Narrative zu bedienen“. Es handele sich um „typische wissenschaftsleugnende Methoden, die dazu dienen sollen, die öffentliche Meinung zu manipulieren“."

(...)

"WELT liegt eine Mail von Christian Drosten an Hedwig François-Kettner vor. Sie ist Mitglied in der Arbeitsgruppe von Schrappe, arbeitete früher ebenfalls an der Charité. Dort kommt Drosten gegenüber der „sehr geehrten Frau François-Kettner“ sehr schnell zur Sache. Er unterstellt der Stellungnahme der Arbeitsgruppe eine „Vielzahl von Denkfehlern, falschen Argumenten und haltlosen Anschuldigungen“, das sei „unerträglich“. Worin die Fehler konkret bestehen könnten, macht Drosten in seiner Mail leider nicht deutlich."

(...) "Die „Rücksichtslosigkeit in der Verbreitung persönlicher Meinungen unter Vorspiegelung von Professionalität“, so Drosten an François-Kettner, „schädigt die Institutionen und gefährdet die Einzelpersonen, die Sie und Ihre Gruppe seit Monaten unverhohlen angreifen.“

Warum Drosten eine Schädigung von Institutionen vermutet, wenn man deren Arbeitsweise kritisiert, entzieht sich einer zwingenden Erklärung."

(...)

"Aber dabei sollte es nicht bleiben. Am Ende nimmt diese E-Mail mit großem Verteiler, dem neben François-Kettner achtzehn weitere Adressaten angehören, eine unvermutete Wendung. „In diesen Tagen“, so Drosten, offenbar Hintergrundwissen andeutend, „werden die Medien dieses und auch frühere Machwerke Ihrer Gruppe analysieren.“

Die Mail endete grußlos mit seiner Unterschrift. Sie wurde am 18. Mai um 08:34 Uhr gesendet. Drei Tage später lobte Drosten den „Volksverpetzer“ auf Twitter für seinen unermüdlichen Einsatz.

Der Berliner Virologe konnte nicht ahnen, dass der Bundesrechnungshof wenig später die Erkenntnisse von Schrappes Arbeitsgruppe bestätigen sollte. Allerdings muss man sich im Rückblick fragen, wen Drosten eigentlich meinte, als er in seinem elektronischen Drohbrief von „Rücksichtslosigkeit in der Verbreitung persönlicher Meinungen unter Vorspiegelung von Professionalität“ schrieb. Seine E-Mail zeigt, wie hinter den medialen Kulissen mit allen Mitteln versucht wurde, das eigene pandemiepolitische Narrativ zu retten. Mit Aufklärung hat das nichts zu tun."

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